Alexander Braun: Horror im Comic

„Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht, aber es gibt kein Grundrecht für sittliche Belehrung und Bevormundung. Zumal es jedem freisteht, sich abzuwenden, wenn er etwas nicht zur Kenntnis nehmen will. So schräg es auf den ersten Blick klingen mag: Wer das Bedürfnis hat, ästhetisch zu simulieren, wie eine Kettensäge einen menschlichen Körper zerteilt, steht fest auf dem Boden des Rechts. Wer das zu verbieten versucht, tut es weniger.“

Dies schreibt Alexander Braun im Vorwort seines neuen Ausstellungskatalogs, der ein Jahr nach der Veröffentlichung seines ebenso gewichtigen, wie aussagekräftigen Bildbands Will Eisner – Graphic Novel Godfather erschienen ist. Eine dreißigseitige Einleitung geht ganz schön in die Tiefe bei der Beantwortung der Frage, warum sowohl Künstler als auch das Publikum von Schreckensbildern fasziniert sind.

Rembrandt: Die Anatomie des Dr. Tulp

Zur Diskussion gestellt werden dabei Thesen von Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau über das Böse im Menschen. Zur Abbildung kommen blutige Gemälde von Rembrandt, Goya und Caravaggio, aber auch Szenen aus Tobe Hoopers Horror-Klassiker The Texas Chain Saw Massacre. Dabei stellt Braun die berechtigte Frage, warum Museen die von ihm ausgewählten Gemälde auch für Kinder frei zugänglich zeigen, während Hoopers Film in Deutschland indiziert wurde.

Passend hierzu trägt das erste Kapitel des Buchs, das sich mit den EC-Comics beschäftigt, den Untertitel “Amerikas Weg in die Zensur“. Zum Abdruck kommen hervorragende Reproduktionen der Exponate, der im schauraum: comic + cartoon gezeigten Ausstellung Horror im Comic. Zu bestaunen gibt es neben Comicseiten von Künstlern wie Jack Davis oder Johnny Craig, auch die Originalseiten einer kompletten EC-Story von Graham Ingels.

Enthalten ist aber auch die deutsche Übersetzung des kompletten Protokolls einer Aussage von EC-Herausgeber Bill Gaines. Dieser hatte sich freiwillig gemeldet, um am 21. April 1954 den US-Senatsausschuss davon zu überzeugen, dass die von ihm produzierten durchaus moralischen Horrorcomics keineswegs die Jugend verderben. Gaines hielt vor dem Ausschuss zwar einen Monolog voller guter Argumente, versagte aber im Kreuzverhör und machte die Regierungsbehörden erst durch diesen Auftritt auf seine Comics aufmerksam.

Das Resultat war der Comics Code, der es Gaines unmöglich machte, seine Comics weiterhin an die Kioske zu bringen. Das ebenfalls von ihm verlegte Satiremagazin MAD rettete ihn vor dem Ruin. Es wurde zu einem Riesenerfolg, nachdem es nicht mehr als Comicheft, sondern als Magazin erschien und Gaines sich daher nicht mit den Vorgaben des Comics Code herumärgern musste.

Auch der Verleger James Warren veröffentlichte seine von Künstlern wie Frank Frazetta, Richard Corben oder Bernie Wrightson gezeichneten schwarzweißen Horrorcomics in Zeitschriften. Den ab 1964 bzw. 1967 erscheinenden Warren-Magazinen Creepy und Eerie widmet Alexander Braun ein Kapitel. Ein Großteil des Buchs beschäftigt sich außerdem damit, wo Monster wie Vampire, Werwölfe, Geister oder Zombies ihre Ursprünge haben und in welcher Form sie durch die Comics spukten.

Den Abschluss bilden Kapitel über Fumetti Neri wie Diabolik oder Dylan Dog, sowie besonders extreme Horror-Comics aus Japan. Alexander Braun arbeitet seine Themen nicht stur ab, sondern betritt unterwegs auch interessante Nebenwege und lockert den Text durch Anekdoten auf. Auch Leser, die sich bereits sehr gut mit Horrorcomics auskennen, dürften in diesem Buch so manche Entdeckung machen.

Heiner Lünstedt

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Sabrina Schmatz: München 1945 – Gesamtausgabe 2

Die Beziehung zwischen der 21-jährigen Krankenschwester Konstanze Hofer und dem 25-jährigen amerikanische Sanitäter Daniel Stevens wird immer fester – unbeschwerte Tage inklusive. Aber sie wird auf harte Bewährungsproben gestellt.

Der extreme Kontrast – auf der einen Seite ein verheerender Krieg mit all seinen Grausamkeiten – und auf der anderen Seite die beginnende Liebesgeschichte zweier Menschen – sind ein sehr geschicktes, wenn auch nicht einfaches Setting. Eine Geschichte, die sehr viele Themen und moralische Grundsatzfragen des menschlichen Daseins anspricht und sich mit ihnen auseinandersetzt, mit Wendungen und Positionen.

Liebevoll und prägnant charakterisiert Sabrina Schmatz in München 1945 die handelnden Personen. Ihre poetischen Bleistift-Zeichnungen wirken skizzenhaft, passen einfach zu Zeit und Stimmung, geben Dynamik und Lebendigkeit. Die junge Autorin präsentiert uns hier eine starke, überzeugende weibliche Protagonistin, die selbstbewusst ihr Schicksal in die Hand nimmt.

Ein überzeugender erwachsener Comic, der lehrt, dass, wenn zwei aufeinander zugehen und sich verstehen möchten, dann kann sich zwischen ihnen eine aufrichtige Liebe nach und nach entwickeln. Die digital leicht überarbeiteten Bilder erzielen Stimmung und Tiefe.

Die ersten zehn Seiten werden dieses Mal koloriert präsentiert – im ersten Band waren es nur vier. Dieses Mal hat die Ausgabe 40 Seiten mehr – der Preis ist geblieben. Die überarbeitete Gesamtausgabe wurde darüber hinaus um einige Rechtschreibfehler korrigiert.

Zusätzliche Informationen, wie zum Beispiel eine Comic-Seite bei Sabrina Schmatz entsteht, neues Artwork, Abbildungen der sechs Cover der Erstausgaben vom Schwarzen Turm, ein Nachwort runden das Werk ab.

Norbert Elbers

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Jonas Valentin Gesamtausgabe 1

Wer einmal das Album Der Traum des Wals gelesen hat, dem wird der von Fahrgästen berittene Katzenwels der Linie 14, der „überfüllt wie gewöhnlich“ über den Straßenbahnschien Brüssels schwebt, in Erinnerung bleiben.

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Ende der 80er-Jahre war es keineswegs selbstverständlich Comics zu veröffentlichen, die zwar auch abenteuerlich und lustig sind, doch in erster Linie poetische und naturverbundene Geschichte erzählen. Auch die leider nur vier weiteren Alben mit Jonas Valentin überzeugen durch Boms Fabulierreichtum und die bereits damals hochentwickelte Meisterschaft von Frank Pé (Zoo, Marsupilami: Die Bestie) Flora und Fauna zu Papier zu bringen.

Jonas Valentin

Der erste von zwei Bänden einer Gesamtausgabe zeigt, dass es außer den Alben noch sehr viel mehr Bildergeschichten mit Jonas Valentin gibt. Der im Original Broussaille (französisch für “Gestrüpp“) genannte rothaarige Wuschelkopf mit der erstaunlich randlosen Brille debütierte bereits 1978 in Ausgabe 2108 des Magazin Spirou.

Erster Auftritt von Jonas Valentin

Doch bei den zumeist in Schwarzweiß veröffentlichten “Papieren von Jonas Valentin“ handelte es nicht um Comics, sondern um reich und detailfreudig illustrierte Texte. Auf diesen Onepagern vermittelt Frank Pé, dessen Wohnung damals ein kleiner Reptilien-Zoo mit sieben Terrarien war, sein breitgefächertes biologisches Wissen.

An der Kreuzung des Bären

In unregelmäßigen Abständen tauchte Jonas Valentin immer wieder in Spirou auf und ab 1980 erzählte Frank Pé auch kurze Comicgeschichten mit ihm. Einen Quantensprung in der Entwicklung der Figur stellte die fünfseitige Geschichte Die Kapelle der Katzen dar, die genau wie die großartige Prosa-Erzählung An der Kreuzung des Bären von Michel de Bom verfasst wurde.

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Alle diese immer noch sehr lesenswerten Frühwerke erscheinen jetzt als deutsche Erstveröffentlichung. Neben den ersten beiden Alben Der Traum des Wals und Die Hüter des Lichts sind noch zahlreiche Illustrationen enthalten, sowie hochinteressante Texte von Jean-Pierre Abels, der 1987 kurzzeitig die Verlagsleitung bei Dupuis übernommen hatte. Schöner kann ein Klassiker nicht präsentiert werden!

Heiner Lünstedt

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Constantine – The House of Mystery

2010 startete die Reihe DC Showcase Animated Shorts. Hierbei handelt es sich um zehn- bis zwanzigminütige Zeichentrickfilme mit mehr oder weniger bekannten DC-Charaktere. Diese Superhelden-Cartoons sind in unregelmäßigen Abständen im Blu-ray-Bonusmaterial der DC Universe Animated Original Movies zu finden.

Die DC Showcase Animated Shorts erscheinen aber auch gesammelt als  Anthologien, die jeweils um einen etwas längeren Film ergänzt werden, wie aktuell Constantine –The House of Mystery. Der 26-minütige Film beginnt als Epilog zum dem großen Finale des DC Animated Movie Universe. In Justice League Dark: Apokolips War wird davon erzählt, wie der Magier John Constantine maßgeblich dazu beiträgt, dass es Darkseid nicht gelingt, die Menschheit zu vernichten.

Am Anfang von Constantine –The House of Mystery trauert der Antiheld aus der Serie Hellblazer um seine geliebte Zantana, die beim Kampf gegen Darkseid ums Leben kam. Mit Hilfe von Flash will er die Zeit zurückdrehen. Stattdessen landet der Zyniker im Trenchcoat in einem mysteriösen Haus, in dessen Räumen er immer wieder auf alte Freund und auf Zantana trifft. Doch bei diesen handelt es sich um Dämonen, die ein böses Spiel mit Constantine treiben…

Der recht originell erzählte Kurzfilm konfrontiert Constantine mit dem Spukhaus aus der DC-Anthologie-Serie The House of Mystery. Kurz vor dem nicht allzu originellen Finale schließt der Betrügereien nicht abgeneigte Constantine einen Pakt mit mächtigen Höllenwesen und entkommt diesen durch einen billigen aber effektiven Trick…

Die Blu-ray von Warner enthält neben den erstmals deutsch synchronisierten DC-Showcase-Filmen „Kamandi: The Last Boy on Earth!“, „The Losers“ und „Blue Beetle“ noch die recht interessante Doku „DC Showcase: Eine Story nach der anderen“ (16:02 min, wahlweise mit deutschen Untertiteln).

Heiner Lünstedt

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Doctor Strange In The Multiverse Of Madness

Mit diesem Film tritt das Marvel Cinematic Universe in eine Phase, in die nur noch diejenigen vollends durchblicken, die nicht nur die entsprechenden Blockbuster im Kino gesehen haben. Während sich zuvor in Spider-Man: No Way Home darauf konzentriert wurde, die Charaktere aus den bisherigen Kinofilmen mit dem Wandkrabbler aufeinander loszulassen, erschließt sich die Story des zweiten Solofilms mit Benedict Cumberbatch als Doctor Strange nur Zuschauern, die auch Disney+ Serien wie WandaVision oder What if…? gesehen hatten.

Auch dies ist erstaunlich werkgetreu gegenüber der Vorlage, denn jede Marvel-Comicserie wurde nach einem allgemeinverständlichen Auftakt Teil einer kompliziert verzahnten immer wieder ins Wanken geratenden Gesamterzählung. Doch mit der Wahl des Regisseurs von Doctor Strange in the Multiverse of Madness wurde zu den Wurzeln der (erfolgreichen) Marvel-Kinofilme zurückgekehrt. Sam Raimi, der 2002 den ersten Spider-Man-Film drehte, feierte seine ersten Erfolge mit Filmen wie Armee der Finsternis oder Darkman im Horrorkino.

In dieser Hinsicht lässt er es ordentlich krachen und es ist schon verwunderlich, dass der alles andere als blutarme Film ab 12 Jahren freigegeben ist. Erzählt wird davon, wie Doctor Strange gemeinsam mit der jungen America Chavez (Xochitl Gomez) zu einer ebenso imposant (vor allen in 3D) in Szene gesetzten wie unübersichtlich erzählten Odyssee durch diverse Multiversen aufbricht.

Dabei trifft er nicht nur auf diverse Varianten seinerselbst, sondern auch auf eine Christine Palmer (Rachel McAdams), die – im Gegensatz zur frisch aber nicht mit ihm verheirateten Version seiner Realität – anscheinend noch ledig ist. Doch dafür, dass Romantik den Film nicht aus dem Gleichgewicht bringt, sorgt Elizabeth Olsen als zwar tragisch gebrochene aber erstaunlich gewalttätige Wanda Maximoff alias Scarlet Witch.

Nach einem etwas durchwachsenen Auftakt steigert sich der Film zu einer wilden Achterbahnfahrt, die auch Marvel-Novizen Freude bereiten dürfte. Insider hingegen erhalten durch überraschende Gastauftritte erste Infos darüber, wie die X-Men oder die Fantastic Four demnächst möglicherweise ins MCU eingegliedert werden könnten. Doch hier ist Vorsicht geboten, denn diese Erstbegegnungen mit Figuren aus bisher fremden Filmwelten finden in einem alternativen Universum statt.

Um nicht den Spaß am Film zu mindern, möchte ich nur noch verraten, dass es sich lohnt, den Nachspann komplett abzusitzen, denn zur Belohnung gibt es einen schreiend komischen Moment mit Sam Raimis Lieblingsdarsteller.

Heiner Lünstedt

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Batman – Die Welt des dunklen Ritters

Bereits 2002 brachte der Panini Verlag als Lizenzprodukt ein Buch namens Batman – Die Welt des dunklen Ritters heraus. Dieses war in der Originalausgabe bei Dorling Kindersley dem Spezialisten für opulente Bildbände erschienen, der 2012 – zum Kinostart von Christopher Nolans The Dark Knight Rises – eine komplett überarbeitete Neuausgabe des Buches veröffentlichte.

Angesichts den neuen Kinofilms The Batman wiederholt sich dieser Vorgang ein Jahrzehnt später. Daniel Wallace hat zusammen mit Matthew K. Manning die ersten 190 Seiten seines Buchs teilweise etwas ummontiert und gelegentlich ansprechender bebilder. Die letzten sechzehn Seiten sind neu und dokumentieren, wie sich die Welt von Batman in den letzten zehn Jahren durch Ereignisse wie Jahr Null oder Batman: Metal verändert hat.

Neben detaillierten Informationen zu Batmans Ernährungs- und Trainingsplan bietet das Buch auch einen Einblick in die Historie der Comics. Konsequenterweise werden dabei Filme, TV-Serien und Videogames ganz außen vorgelassen und sich voll ausschließlich auf die Comics konzentriert.

Auf 216 mit ebenso viel Sachverstand wie Liebe zum Detail layouteten Seiten kann der Leser bzw. Blätterer die wichtigsten Stationen, Krisen und Schicksalsschläge miterleben, mit denen der Dunkle Ritter seit seinem ersten Auftritt in Detective Comics # 27 von 1939 bis hin zur aktuellen Miniserie Die drei Joker.

Besondere Aufmerksamkeit wird dabei Meilensteinen wie The Dark Knight Returns, Year One, Arkham Asylum, The Killing Joke, The Long Halloween, Hush oder Identity Crisis gewidmet. Batman hat sich im Laufe von acht Jahrzehnten vielleicht nicht immer weiterentwickelt, aber allen radikalen Änderungsversuchen mannhaft getrotzt. Auch daher ist er immer noch der Lieblingsrächer von fast jedem Superhelden-Fan und seine Comics sind so düster wie am ersten Tag.

Heiner Lünstedt

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Alan Moore’s Cinema Purgatorio

Avatar Press startete 2016 das Magazin Alan Moore’s Cinema Purgatorio. In achtzehn schwarzweißen Ausgaben wurden Fortsetzungs-Comics wie Code Pru von Garth Ennis, The Vast von Christos Gage, Modded von Kieron Gillen und A More Perfect Union von Max Brooks veröffentlicht. Bei uns hat der Dantes Verlag alle diese Serien als schön aufgemachte und fachkundig kommentierte Einzelbänden veröffentlicht.

Mit einiger Verspätung folgt jetzt endlich die lange erwartete Edition mit allen 18 Episoden der Serie, deren Titel das Magazin trägt. Bei Cinema Purgatorio arbeitete der legendäre Autor Alan Moore (Watchmen, V for Vendetta) genau wie bei verfilmten Erfolgsreihe Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen wieder mit seinem Landsmann Kevin O’Neill zusammen.

In achtseitigen Häppchen bieten Moore und O’Neill einen eigenwilligen Exkurs durch die Filmgeschichte. Im mysteriösen “Fegefeuer-Kino“ wird keine ganz leichte Kost geboten. Daher ist es sehr hilfreich, dass der Übersetzer Jens R. Nielsen zu jeder Shortstory einen Anhang mit Erklärungen zusammengestellt hat, der – Erinnerungen an Moores ebenfalls sehr erklärungsbedürftigen Comic-Meilenstein From Hell werden wach – manchmal aus mehr Seiten als der zugehörige Comic besteht.

Doch wer sich auf diesen Band einlässt wird oftmals reich belohnt. Einer meiner persönlichen Höhepunkte ist die Story A King at Twilight. Hier stellt Kevin O’Neill in beeindruckenden Bilder markante Szenen aus dem Klassiker King Kong von 1933 nach. Dazu lässt Alan Moore den Riesenaffen mit seinem Schöpfer, den Tricktechniker Willis O’Brien, mental verschmelzen und über dessen an Enttäuschungen und Tiefschlägen nicht eben armes Leben monologisieren.

Ebenso lesenswert ist die Story Freaks, in der Harry Earles, der kleinwüchsige Hauptdarsteller des gleichnamigen Films, die ebenfalls großteils traurige Lebensgeschichte des Regisseurs Tod Browning erzählt, der mit 1931 den Klassiker Dracula mit Bela Lugosi drehte.

Etwas lustiger geht es bei The Warner Brothers in A Night at the Lawyers zu. Diese Story beschäftigt sich mit einen von Groucho Marx gefakten Briefwechsel, in dem er darauf reagiert, dass die Filmfirma Warner angeblich verhindern wollte, dass die Marx-Brothers A Night in Casablanca drehten.

Groucho wunderte sich, dass Warner glaubt wegen des Humphrey-Bogart-Klassikers die Rechte einer marokkanischen Stadt zu haben. Dieser Logik folgend sprach Groucho der erst 1923 ins Handelsregister eingetragenen Firma Warner das Recht ab, sich BROTHERS zu nennen, da er zusammen mit Harpo und Chico bereits seit 1905 als Marx BROTHERS aufgetreten ist…

Insgesamt ist Cinema Purgatorio eine faszinierende Materialsammlung, die – in kleinen Häppchen genossen – anregende Lektüre bietet.

Heiner Lünstedt   

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Barry Windsor-Smith: Monster

Aus dem, was einst als Hulk-Story geplant war, ist ein gewaltiges Monster geworden. Mehr als drei Jahrzehnte hat der schon lange nicht mehr für Superhelden-Verlage tätige Brite Barry Windsor-Smith (Conan, Weapon X) an seiner 360-seitigen Graphic Novel gearbeitet. Speziell den letzten etwa hingehauen wirkenden Seiten ist anzumerken, dass Windsor-Smith Monster endlich fertigstellen wollte.

Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. In wuchtiger Schwarzweiß-Grafik setzt Windsor-Smith eine Verfolgungsjagd in Szene, die bei jedem Action-Blockbuster mithalten kann. Auch mit der Darstellung von blutigen Gewalttätigkeiten wird nicht eben sparsam umgegangen und wegen der virtuosen Darstellung von schrecklichen Ereignissen mag der Leser auf mancher Seite nicht allzu lange verweilen.

Doch das Monster von einem Buch hat auch ein Herz. So wird im Mittelteil in sorgsamer Inszenierung und mit glaubhaften Dialogen die bittersüße Love Story zwischen dem Geheimdienstler Jack Powell und Janet Bailey erzählt. Janet hatte sehr lange auf ihren Ehemann Tom gewartet, der erst 1949 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte.

Tom erlebte in Deutschland schreckliche Dinge und war nicht mehr der freundliche Mann, den Janet geheiratet hatte. Nach seiner Rückkehr trank und verprügelte er seine Ehefrau und den kleinen Sohn Bobby. In zu Herzen gehenden Tagebuch-Eintragungen lässt Windsor-Smith Janet erzählen, wie ihr einstiges Familienidyll im hübschen Häuschen immer mehr zur Horrorshow wird und wie stark sie sich zu Jack hingezogen fühlt.

Monster ist geschickt verschachtelt erzählt. Geschildert werden Ereignisse, die sich zwischen 1945 und 1965 abspielen. Diese gipfeln darin, dass der zum Vollwaisen gewordene Bobby Bailey in einem geheimen Labor der US-Army landet und dort in ein gewaltiges Monster verwandelt wird.

Wer sich auf Monster einlässt, wird emotional gefesselt wie in kaum einem anderen Comic, Film oder Roman.

Heiner Lünstedt

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Lucky Luke – Neue Gesamtausgabe 3

Auch der dritte Band der neuen Gesamtausgabe überzeugt nicht nur dadurch, dass hier alle Abenteuer von Lucky Luke chronologisch zum Abdruck kommen. Dank einer ausführlichen Einleitung ist auch sehr viel über die Entstehung der enthaltenen Comics zu erfahren. So war die Zeit von 1952 bis 1956 ein entscheidender Abschnitt, in dem Entscheidungen getroffen wurden, die maßgeblich dazu beitrugen, dass Lucky Luke zu einem Klassiker wurde.

Als Maurice De Bevere alias Morris an Das Elixier von Doc Dowey arbeitete, hatter er sich bereits sehr gut in New York eingelebt. Dank seiner Freundschaft zu Harvey Kurtzman und Will Elder war er direkt dabei, als MAD seine Premiere erlebte. Kurtzmans respektloser Humor, aber auch die grelle Farbgebung der Parodien im zunächst noch als Comicheft veröffentlichten Satiremagazin, sollten die zukünftige Entwicklung von Lucky Luke maßgeblich beeinflussen.

Wahrscheinlich hing auch die Entscheidung, einen aus dem Kino bekannten Darsteller gegen Lucky Luke antreten zu lassen, mit MAD zusammen, denn dort wurden sehr gerne erfolgreiche Filme parodiert. Den begeisterten Kinogänger Morris inspirierte der Auftritt von Jack Palance (City Slickers) in Mein großer Freund Shane dazu, den markanten Nebendarsteller als Comic-Schurken zu karikieren.

Lucky Luke gegen Phil Steel war das letzte Album, das Morris nicht nur zeichnete, sondern auch textete. Das wohl Wichtigste, was Morris aus den USA in seine belgische Heimat mitbrachte, war seine Freundschaft mit René Goscinny. Es war für Morris eine große Erleichterung und für Lucky Luke ein gewaltiger Fortschritt als Goscinny das Szenario zu Die Eisenbahn durch die Prärie schrieb.

Es sei aber auch angemerkt, dass Morris ebenfalls ein äußerst talentierter Autor war, der bevor 1955 Goscinny einstieg, bereits 346 Lucky-Luke-Comicseiten voller ebenso lustiger wie intelligenter Einfälle zu Papier gebracht hatte. Daher ist Die Eisenbahn durch die Prärie noch nicht der ganz große Quantensprung.

Vielleicht wurde meine Einschätzung auch ein wenig dadurch beeinflusst, dass Goscinnys erstes Lucky-Luke-Album im Gegensatz zu den nachfolgenden Comics nicht von Gudrun Penndorf übersetzt wurde. Diese hätte ganz sicher jenen Indianerhäuptling, der im französischen Original “affreux vautour“ (“scheußlicher Geier“) heißt, nicht als “geiler Geier“ eingedeutscht…

Heiner Lünstedt

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The Boys: Dear Becky

Ende 2012 beendete Garth Ennis (Preacher, Hellblazer, Punisher, Hitman) sein gemeinsam mit Darick Robertson entwickeltes 1.500-seitiges Epos The Boys ziemlich drastisch. Dabei kam nicht nur ein Großteil jener arroganten Superhelden ums Leben, die an allem möglichen interessiert waren, nur nicht daran die Erde zu einem besseren Ort zu machen.

Aber auch die Titelhelden, die mit teilweise brachialer Gewalt kostümierten Rächern ihre Grenzen aufzeigten, überlebten das Finale nicht. Ein Happy End gönnte Ennis lediglich dem Schotten Hughie Campbell, der nur kurze Zeit Mitglied der Boys war. Mit der Miniserie Dear Becky kehrte Ennis 2020 noch einmal zu seinem Erfolgs-Comic zurück.

The Boys: Dear Becky

Dieses Sequel, das zugleich auch Prequel ist, veröffentlichte Panini zunächst unter dem Titel The Boys 14 – Liebe Becky. Das Vorwort stammt von Eric Kripke, der neben seiner Erfolgsserie Supernatural auch The Boys für Amazon Prime produziert. Kripke schildert im einleitenden Text, wie er sich zu einem Abendessen mit Garth Ennis traf, weil dieser ihn abchecken wollte, um sicherzustellen, dass sein Comic bei der Verfilmung nicht “total versaut“ wird. Ennis fragte Kripke, was er von The Boys hält. Der Produzent antwortete: “Ich glaube, es ist eine sehr nette, zarte Liebesgeschichte mit ganz viel Herz.“ Ennis erwiderte darauf: “Ich weiß, wieso merkt das bloß keiner?“

The Boys: Dear Becky

Bei Dear Becky könnte es vielleicht doch der eine oder andere merken, obwohl es wieder brutale Aktionen gegen Superhelden gibt. So wird schon nach wenigen Seiten einem kleinen Jungen die Zunge herausgeschnitten, damit er nicht mehr jenes Zauberwort aussprechen kann, das ihn in einen gewaltigen Muskelprotz verwandelt. Jetzt bringt der Knirps nur noch das völlig nutzlose Wort “Chacham!“ – bzw. “Thyatham!“ in der Originalfassung – über die Lippen.

The Boys: Dear Becky

Doch neben Sequenzen, in denen ein ganzer Haufen als nordische Götter verkleideter Spinner massakriert wird, erzählt Ennis in Dear Becky auch drei Love Stories. So erfreut Frenchie das Weibchen mit zwei Plüschtieren, an denen diese so viel Freude hat, dass es Tote gibt, sobald ein anderer diese anrührt.

The Boys: Dear Becky

In der Rahmenhandlung versuchen die ehemalige Superheldin Annie und Hughie in dessen schottischer Heimat ein gemeinsames Leben zu starten. Dass scheint zu klappen, bis Hughie von einem anonymen Absender ein Tagebuch erhält. Dieses stammt von Billy Butchers großen Liebe Becky, die einst durch den intriganten Superhelden Homelander ermordet wurde.

The Boys: Dear Becky

Nach Beckys Tod hat Butcher das Tagebuch fortgeführt. Zum Schrecken von Annie wird Hughie dadurch wieder an seine Zeit bei den Boys erinnert und erfährt perverse Details aus der Frühzeit der Gruppe…

The Boys: Dear Becky

Die Grafik zu dieser auf vielen (Gefühls-)Ebenen bestens funktionierenden Geschichte stammt von Russ Braun. Dieser arbeitete zuvor bereits bei der James-Bond-Parodie Jimmys Bastarde mit Ennis zusammen.

The Boys: Dear Becky
Variant-Cover von Mirka Andolfo

Auch bei The Boys war der US-Zeichner neben vielen anderen Künstlern wie Darick Robertson, Peter Snejbjerg, John Higgins oder Carlos Ezquerra beteiligt, was zu Qualitätsschwankungen und Stilbrüchen führte. Daher ist es sehr erfreulich, dass Dear Becky von Russ Braun durchgehend großartig in Szene gesetzt wurde.

The Boys - Gnadenlos-Edition 2
Variant-Cover von Carlos Ezquerra

Aktuell fand The Boys: Dear Becky auch als Band 7 Aufnahme in Paninis gebundene, überformatige Gnadenlos-Edition. Da die Miniserie nur aus acht US-Heften mit insgesamt knapp 200 Seiten besteht, gibt noch eine sehr schöne Ergänzung.

The Boys - Gnadenlos-Edition 2
Variant-Cover von David Lloyd

Enthalten ist auch noch ein interessant zusammengestelltes Artbook, das – neben den von Darick Robertson gezeichneten Titelbildern zu allen Heften von The Boys – Variant-Cover von promionenten Comic-Künstlern wie John Cassaday, Howard Chaykin, Carlos Ezquerra, Steve Dillon, Dave Gibbons, David Lloyd oder Jim Lee präsentiert. Diese ansonsten perfekte Edition enthält nicht die gar nicht so wenigen Variant-Cover zu Dear Becky.

Heiner Lünstedt

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