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Barbara Yelin: Tagebuch eines Zwangsarbeiters

Erst nach dem Tode des Niederländers Jan Bazuin entdeckte sein Sohn Leon ein aus drei Heften bestehendes Tagebuch. Sein Vater hatte mit ihm nie über jene Zeit gesprochen, als er Ende des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit nach München deportiert wurde. Das dortige NS Dokumentationszentrum fertigte nicht nur eine deutsche Übersetzung an, sondern erarbeitete auch eine Veröffentlichung des Tagebuchs, die von der Comiczeichnerin Barbara Yelin (Gift, Irmina) illustriert wurde.

Der 19-jährige Jan Bazuin begann sein Tagebuch am 20. November 1944 mit dem Satz: “Heute kaum etwas Besonders“ Er beschreibt sein Leben im besetzten Rotterdam. Die Bewohner leiden unter Bombenangriffen, sowie der Knappheit von Nahrungsmittel und Heizmaterial. Bazuin kommt zudem kaum noch mit seinem Vater klar. Ein Lichtblick ist das Verhältnis zu einer Frau, die er zunächst als “Bekannte“ bezeichnet und die schließlich zu Bazuins Freundin Annie wird.

Seine Tagebucheinträge sind sehr sachlich gehalten und scheinbar frei von Sentimentalitäten. Gelegentlich blitzt ein sarkastischer Humor aber auch Optimismus auf. Bazuins Schreibstil erweckt rasch Sympathien für den jungen Mann, der versucht das Beste aus seiner Lage zu machen. Doch diese wird keineswegs besser. Auch weil sein Vater ihn nicht mehr in der Wohnung haben will, wird Bazuin im Januar 1945 zusammen mit 50 Landsleuten in einen Güterwagen gesperrt.

Nach einer 75-stündigen Bahnfahrt, die er fast ohne Nahrungsmittel und Wasser ertragen muss, kommt er schließlich in Dachau an. Er musste Zwangsarbeit im Reichsbahnausbesserungswerk Neuaubing verrichten (das sich direkt vor meiner Haustür befand). Jan Bazuins letzter Tagebucheintrag stammt vom 27. April 1945, und danach versuchte er die Deportation zu vergessen, auch weil manche Niederländern Zwangsarbeiter verdächtigten, freiwillig für die Deutschen gearbeitet zu haben.

Jan Bazuins Tagebuch ist ein wichtiges Zeitdokument, dass die Auswirkungen von Krieg und Diktatur auf Zivilisten hautnah miterleben lässt. Für diese Edition, die keinen Leser kalt lassen wird, sprechen auch die einfühlsamen Bilder von Barbara Yelin, die das Tagebuch nicht nur illustrierte, sondern teilweise auch durch Sprechblasentexte ergänzte.

Heiner Lünstedt

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BRZRKR

Es ist kein Wunder, dass dieser Band bei Cross Cult erscheint, denn dort wurde bereits ein 48-seitiges Büchlein mit dem aussagekräftigen Titel If Keanu were your Boyfriend: Der Mann, der Mythos, der Wow! veröffentlicht.

Normalausgabe mit Cover von Dan Mora

Geboten wird “zum Teil Biografie, zum Teil verträumte Erzählung“ mit bedeutenden Weisheiten von Keanu Reeves, wie “Life is good when you have a good sandwich.“ Wer so einen Quatsch herausbringt, wird sich natürlich auch schleunigst um die Rechte eines Comics bemühen, an dem der Wow höchstpersönlich als Autor beteiligt war.

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Es ist erstaunlich, was für Wellen es schlägt, wenn sich ein Hollywood-Star, dazu herablässt einen Comic zu schreiben. Zwar hat Keanu dies nicht ganz alleine gemacht, sondern als Co-Writer wurde ihm ein erfahrener Comic-Macher zur Seite gestellt.

Normalausgabe mit Cover von Dan Mora

Matt Kindt war bereits als Autor, aber teilweise auch als Zeichner für Dark Horse, Valiant und DC tätig. Es ist völlig unklar, wieviel Input bei BRZRKR von Keanu Reeves stammt. Möglicherweise kam von ihm wenig mehr, als die Erlaubnis den Titelhelden mit seinen Gesichtszügen auszustatten.

Second-Printing-Cover von Ron Garney

Doch dies auch auf Variantcover von Lee Bermejo, Dan Mora, Jonboy Meyers, Ron Garney oder Rafael Grampá gefeierte Ereignis genügte, um das im März 2021 bei Boom! Studios veröffentlichte Heft BRZRKR # 1 mit 650.000 verkauften Exemplaren zum Comic-Bestseller dieses Jahrtausends zu machen.

Die Story hingegen dürfte kaum etwas zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen haben, denn das erste Heft zeigt trotz des verdoppelten Umfangs von 43 Seiten wenig mehr als ein von Ron Garney immerhin recht mitreißend in Szene gesetztes Gemetzel. Der Mann mit dem Gesicht von Keanu veranstaltet und überlebt dabei ein Blutbad in einem Land, in dem Spanisch gesprochen wird.

Als Schlusspointe wird noch verraten, dass der Supersoldat bereits seit achtzigtausend Jahren auf der Erde zugange ist. Der Auftakt von Kapitel 2 versucht noch einen draufzusetzten und erzählt wie die Mutter von BRZRKR ihren Sohn unbefleckt empfangen hat und schon nach zwei Monaten zur Welt brachte.

Doch damit haben Matt Kindt und Keanu Reeves ihr Pulver bereits verschossen, zumindest was die ersten vier (von insgesamt zwölf) US-Hefte betrifft, die Cross Cult in drei verschiedenen Editionen (darunter eine limitiere Ausgabe im Überformat von 22 x 32 cm) gebündelt und garniert mit einer aus 24 Covern bestehenden Galerie veröffentlicht.

Limitierte Ausgabe im Überformat mit Cover von Jonboy Meyers

Im weiteren Verlauf der Handlung werden – unter dem Motto “Who Wants to Life Forever“ – Ideen und Erzählstrukturen aus Russell Mulcahys unsterblichem Klassiker Highlander mit Christopher Lambert recycelt. Auch bei BRZRKR gibt es eine attraktive Wissenschaftlerin, die den Helden in der Gegenwart analysiert und dadurch wilde erzählerische Zeitsprünge auslöst.

In kleinen Portionen ist so zu erfahren, wie der Keanu-Charakter in kürzester Zeit zum Muskelprotz heranwuchs und seine Sippe im Alleingang und natürlich in blutigen Kämpfen gegen andere Steinzeit-Völker verteidigte. Die Spannung auf den weiteren Verlauf der vertraut wirkenden Geschichte hält sich in Grenzen.

Dennoch ist BRZRKR nicht nur als Comic ein Erfolg, sondern auch als Blaupause zur weiteren medialen Weiterverarbeitung. Netflix plant einen Film, natürlich mit Keanu in der Hauptrolle und auch eine Anime-Serie ist im Gespräch. Für das Kino ist das Franchise leider ungeeignet, denn es würde zu argen Verständnisproblemen an der Kasse führen, wenn jemand dort “Zwei Karten für BRZRKR!“ verlangt.

Heiner Lünstedt

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Naoki Urasawa: Asadora! – Band 2

Der zweite Sammelband mit den Abenteuern von Asa Asad, der neuen Serie von Naoki Urasawa (Monster, 20th Century Boys, Billy Bat) enthält die Kapitel 9 bis 16. Diese erlebten ihre Premiere 2019 im japanischen Manga-Magazin Big Comic Spirits.

Das Taschenbuch startet mit einem Prolog mit Indiana-Jones-Touch, dessen ersten Seiten sogar in Farbe zum Abdruck kommen. Hierin entdeckt eine japanische Expedition im südamerikanischen Dschungel gewaltige Krallenspuren an einem Baum.

Danach geht es weiter mit der tollkühnen Rettungsaktion der zwölfjährigen Asa. Gemeinsam mit dem auf Abwege geratenen Fliegerhelden Kasuga versorgt sie die Überlebenden eines Taifuns der 1959 in der Bucht von Ise ein Taifun tobte mit Lebensmitteln.

Dabei sichten Ise und Kasuga auch den aus dem Meer herausragenden Schwanz eines riesigen Monsters. Nach Abschluss der Rettungsmission gibt es einen Zeitsprung um fünf Jahre und die jetzt 17-jährige Asa geht zwar immer noch zur Schule führt als Kunstfliegerin aber auch Kunststücke vor.

Im weiteren Verlauf der mitreißend in Szene gesetzten und spannend erzählten Geschichte wird es neben dem geheimnisvollen Monster auch um die Olympiade gehen, die 1964 in Tokio stattgefunden hat.

Carlsen veröffentlicht die restlichen vier Bände von Asadora! im Vierteljahrestakt. Die in ihrem Entstehungsland bereits komplett erschienene Serie erzählt in 44 Kapiteln “die Lebensgeschichte einer Japanerin vom Ise-Wan-Taifun von 1959 bis in die Gegenwart 2020“.

Heiner Lünstedt

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Walter Trier: Nazi-German in 22 Lessons

Die politische Karikatur ist mittlerweile weitestgehend aus den Zeitungen verschwunden. Hauptgrund dürfte die Angst davor sein, mit Zeichnungen, die herrschende Zustände durch eine zugespitzte Darstellung verdeutlichen, zu verletzen. Ein schmales Bändchen zeigt, wie wichtig es ist, Dinge klar und deutlich auf den Punkt zu bringen, gerade auch dann, wenn dies jemanden beleidigt.

Walter Trier ist einer der großartigsten deutschen Zeichner. Unvergessen dürften seine Titelbilder und Illustrationen zu den Kinderbüchern von Erich Kästner sein. 1936 verließ Trier Nazideutschland. In England setzte er seine Arbeit als politischer Karikaturist fort. Sechs Jahre später gestaltete er für das nach Texten des irischen Journalisten Frank Dowling eine Flugschrift mit “hilfreichen Informationen für Führer, Saboteure und Gauleiter“.

Die handliche Broschüre wurde in sechs Sprachen gedruckt und 1942 von der Royal Airforce über den von den Nazis und ihren Achsenmächten besetzten Ländern abgeworfen. Durch 22 farbige Illustrationen, die ebenso klar rüberkommen wie seine Cover zu Emil und die Detektive oder Das doppelte Lottchen, vermittelt Trier, dass Begriffe wie “Friedensangebot“, “Schutzmaßnahme“, “Nichtangriffspakt“ oder “Keine weiteren territorialen Forderungen“ eine ganz andere Bedeutung bekommen, wenn sie aus dem Munde von machtgierigen Unmenschen kommen.

So zeigt Walter Trier, dass Adolf Hitler, wenn er “Garantien“ anbietet, einem militärisch unterlegenden Nachbarland lediglich verspricht, dass es “von niemanden geplündert wird, mit Ausnahme von den Achsenmächten“. Ein “Kriegshetzer“ hingegen ist laut dieser Diktatorenfibel “eine Person, die bewaffneten Widerstand gegen die Aggression der Achsenmächte befürwortet.“

Bei Favoriten Presse wurde die Broschüre als fachkundig kommentiertes deutsch- und englischsprachiges Hardcover-Büchlein veröffentlicht. Es ist erschreckend, dass die 22 Lektionen auch nach 80 Jahren immer noch zur Anwendung kommen.

Heiner Lünstedt

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Gilbert Shelton: Freak Brothers

Fritz the Cat hin und Omaha the Cat Dancer her, die eigentlichen Stars der Underground-Comix heißen Phineas, Free Wheelin‘ Franklin und Fat Freddy. Seit 1968 zeichnet Gilbert Shelton Comics über den Alltag der Fabulous Furry Freak Brothers, die als chaotische Hippie-WG in San Francisco leben.

Auch bei uns erfreut sich das an eine bekiffte Version der Marx-Brothers erinnernde Trio großer Beliebtheit. So gastierten die Brüder regelmäßig im Magazin U-Comix und es gab auch allerlei Versuche eine deutschsprachige Gesamtausgabe zu veröffentlichen. Doch erst jetzt erscheinen die Freak Brothers beim avant-verlag “komplett und ungekürzt in einer fest gerollten, knisternden“ zweibändigen Edition.

Das Vorwort zum ersten Band steuerte Gerhard Seyfried bei, der darin erzählt, wie er 1978 den Vorschuss für seinen ersten – unzweifelhaft von den Freak Brothers inspirierten – Comicband Wo soll das alle enden? in einen Flug nach San Francisco investierte und dort gleich Zugang zur Underground-Szene fand. Doch erst einer weiteren USA-Reise traf Seyfried auf Gilbert Shelton und zeichnete später sogar einen Comic mit den Freak Brothers, der im zweiten Band dieser Gesamtausgabe enthalten ist.

Schön, dass nach zahlreichen Veröffentlichungen der Werke und Sketchbooks von Robert Crumb. auch dieser Underground-Klassiker in einer schönen Gesamtausgabe vorliegt.

Heiner Lünstedt

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Jennifer Daniel: Das Gutachten

Dieser Comic spielt im Sommer 1977 in der Umgebung von Bonn. Ein knappes Jahrzehnt später wurde Jennifer Daniel in der damaligen Bundeshauptstadt geboren. Ihr Großvater arbeitete dort als Assistent am Rechtsmedizinischen Institut. In seinem Nachlass entdeckte Jennifer Daniel einige Fotos, die ihn bei seiner Arbeit zeigen und zu diesem Comic inspirierten.

Sie erzählt darin von einem gewissen Herrn Martin, der die selbe Tätigkeit wie ihr Opa ausübt. In eigenwillig durchgestylten Bildern, die man eher in einer Galerie als in einem Comic vermutet hätte, stellt die Zeichnerin Herrn Martin als hornbebrillte Karikatur eines spießigen Angestellten dar. Doch als Autorin verleiht sie der Figur erstaunlich viele Konturen.

Eher widerwillig lässt sich Herr Martin von einigen Kollegen zum Doppelkopfspielen und Biertrinken überreden. An die Heimfahrt in seinem Pkw kann sich der am nächsten Morgen verkatert in seinen Auto aufwachende Herr Martin kaum noch erinnern. Doch irgendetwas war da mit einer Zwangsbremsung…

Tatsächlich hat sich am selben Abend auf der auch von Herrn Martin befahrenen Straßen ein Unfall mit Fahrerflucht ereignet, bei dem eine junge Frau und ihr Sohn zu Tode kamen. Von Gewissensbissen und Schuldgefühlen geplagt, beginnt Herr Martin auf eigene Faust zu ermitteln, um herauszufinden, was sich da wirklich zugetragen hat. Dadurch gerät seine so schön geordnete Nachkriegswelt ganz gehörig ins Wanken…

Das Gutachten ist sehr viel mehr als ein spannend erzählter und ungewöhnlich gezeichneter Krimi. Ohne zu heftig die Moralkeule zu schwingen, beschäftigt sich Jennifer Daniel in diesem bemerkenswerten Comic auch mit Themen wie Terrorismus, Kriegsverbrechen, Wehrdienstverweigerung und Zivilcourage.

Heiner Lünstedt

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Kia Asamiya: Batman – Child of Dreams

Bereits 1966 entstand als Nebenprodukt zur TV-Serie mit Adam West ein Batman-Manga, bei dem sich Jiro Kuwata recht viele Freiheiten im Umgang mit dem Dunklen Ritter nahm.

Sehr viel werkgetreuer aber auch ambitionierter geriet 2001 ein Batman-Comic von Kia Asamiya (Silent Möbius), der zuvor bereits Star Wars – Episode I: Die dunkle Bedrohung als Manga adaptiert hatte. Asamiyas mehr als 300 Seiten umfassendes Epos Batman: Child of Dreams kann getrost als Graphic Novel bezeichnet werden.

Hauptfigur ist die junge Japanerin Yuuko Yagi, die ihren Landsleute den Einstieg in die Welt von Batman erleichtern soll. Die Reporterin reist nach Gotham und trifft dort nicht nur auf Batman – nicht zum ersten Mal, wie im Laufe der Geschichte zu erfahren ist -, sondern auch auf einige seiner Gegner, wie natürlich den Joker.

Die zweite Hälfte der Geschichte spielt in Tokyo. Dort werden Yuuko und Bruce Wayne mit den Machenschaften des zwielichtigen Besitzers eines mächtigen Pharmakonzerns konfrontiert, der zugleich ein großer Batman-Fan ist. Auch Catwoman spielt im Finale eine große Rolle, doch vieles ist ganz anders als es anfangs wirkte…

Gleich nach der japanischen Veröffentlichung präsentierte Panini den Batman-Manga in zwei Softcover-Ausgaben und jetzt folgt eine schön aufgemachte Hardcover-Gesamtausgabe. Diese enthält neben einigen Skizzen auch ein kurzes, aber sehr aufschlussreiches Interview mit Kia Asamiya. Hier ist zu erfahren, dass dieser bevor er sich auf den Job einließ, bereits Batman-Klassiker wie The Dark Knight Returns, Year One, Arkham Asylum, The Killing Joke oder The Long Halloween kannte.

Daher ist Child of Dreams sehr viel mehr, als der Versuch im Windschatten der Kinofilme eine Handvoll Yen zu verdienen. Kia Asamiya gelang ein auch heute noch mit Gewinn zu lesender Batman-Comic mit einem interessanten Look, irgendwo zwischen Manga und Tim Burton.

Heiner Lünstedt

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Catwoman: Lonely City

Wenn im Vorwort dieser Comic mit Frank Millers Meilenstein The Dark Knight Returns verglichen wird, so beschreibt dies nur sehr unzureichend, was Cliff Chiang (Paper Girls) mit Catwoman angestellt hat. Genau wie Bruce Wayne bei Frank Miller schlüpft hier eine nicht mehr ganz junge Selina Kyle wieder in ihr eng gewordenes Kostüm.

Auch bei Cliff Chiang hat sich Gotham im Laufe der Zeit nicht gerade zu seinem Vorteil verändert, denn Harvey Dent alias Two-Face hat als diktatorischer Bürgermeister eine Polizei-Stadt daraus gemacht. Doch zu einer düsteren Dystopie ist die Geschichte dennoch nicht geworden.

Selina Kyle musste miterleben, wie Bruce Wayne in ihren Armen starb und kehrt nach dem Absitzen ihrer zehnjährigen Haftanstalt in Blackgate in ihre Heimatstadt zurück. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelingt es der mittlerweile 55-jährigen Selina recht gut sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Sie findet alte aber auch neue Verbündete und lässt sich ein neues Catwoman-Kostüm anfertigen…

Cliff Chiang erzählt seine mitreißende aber auch humorvolle Geschichte in farbenfrohen Bildern, die im Großformat der zweibändigen Panini-Ausgabe sehr gut zur Geltung kommen.

Heiner Lünstedt

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Blonde Phantom – Perlen der Comicgeschichte

Die Reihe Perlen der Comicgeschichte des Bildschriften Verlags wächst um einen weiteren sachkundig kommentierten Hardcover-Band. Einmal mehr wird eine kommerziell ausgerichtete Serie präsentiert, die zwar “ernst“ gemeinter Mainstream sein sollte, doch im Eifer des Produktionsdrucks blieb die Logik auf der Strecke.

Blonde Phantom entstand 1946 beim Verlag Timely der kurz darauf in Marvel umbenannt werden sollte. Seinerzeit war dort bereits Stan Lee tätig, der die Serie redaktionell betreute. Schrille Schurken und vollmundige Ankündigungstexte lassen vermuten, dass die Marvel-Ikone so manche der Stories mit Blonde Phantom zu verantworten hatte.

Hauptfigur ist die eher unscheinbare Louise Grant, die als Sekretärin des nicht allzu fähigen Detektivs Mark Mason arbeitet. Sie ist heimlich in ihren Chef verliebt und hilft ihm als Blonde Phantom immer wieder bei seinen Ermittlungen. Neben einer schwarzen Maske trägt Louise als Verkleidung ein knallrotes bauchfreies Abendkleid mit Beinschlitzen. Somit wird hier weniger das Superhelden-Genre bedient als vielmehr “Good Girl Art“ geliefert.

Passend dazu überzeugen in den in diesem Band zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichten Comics sehr viel stärker die erotisch aufgeladenen Zeichnungen als die Geschichten. Diese handeln etwa von einem in Blonde Phantom verliebten Wissenschaftler Ignatius Fowler, der seine Nebenbuhler – also alle Männer – in Tiefschlaf versetzt.

Sehr schön ist auch die Story über einem Schurken, der genau wie etwas später der erste Gegenspieler der Fantastic Four “Der Maulwurf“ heißt. Als dieser im Knast landet, flieht er gleich mit der gesamten Haftanstalt in Richtung Erdinneres. Hinzu kommt eine wirre Zeitreise und ein Auftritt von Frankensteins Monster. Fanboy, was willst Du mehr?

Heiner Lünstedt

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Alexander Braun: Horror im Comic

„Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht, aber es gibt kein Grundrecht für sittliche Belehrung und Bevormundung. Zumal es jedem freisteht, sich abzuwenden, wenn er etwas nicht zur Kenntnis nehmen will. So schräg es auf den ersten Blick klingen mag: Wer das Bedürfnis hat, ästhetisch zu simulieren, wie eine Kettensäge einen menschlichen Körper zerteilt, steht fest auf dem Boden des Rechts. Wer das zu verbieten versucht, tut es weniger.“

Dies schreibt Alexander Braun im Vorwort seines neuen Ausstellungskatalogs, der ein Jahr nach der Veröffentlichung seines ebenso gewichtigen, wie aussagekräftigen Bildbands Will Eisner – Graphic Novel Godfather erschienen ist. Eine dreißigseitige Einleitung geht ganz schön in die Tiefe bei der Beantwortung der Frage, warum sowohl Künstler als auch das Publikum von Schreckensbildern fasziniert sind.

Rembrandt: Die Anatomie des Dr. Tulp

Zur Diskussion gestellt werden dabei Thesen von Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau über das Böse im Menschen. Zur Abbildung kommen blutige Gemälde von Rembrandt, Goya und Caravaggio, aber auch Szenen aus Tobe Hoopers Horror-Klassiker The Texas Chain Saw Massacre. Dabei stellt Braun die berechtigte Frage, warum Museen die von ihm ausgewählten Gemälde auch für Kinder frei zugänglich zeigen, während Hoopers Film in Deutschland indiziert wurde.

Passend hierzu trägt das erste Kapitel des Buchs, das sich mit den EC-Comics beschäftigt, den Untertitel “Amerikas Weg in die Zensur“. Zum Abdruck kommen hervorragende Reproduktionen der Exponate, der im schauraum: comic + cartoon gezeigten Ausstellung Horror im Comic. Zu bestaunen gibt es neben Comicseiten von Künstlern wie Jack Davis oder Johnny Craig, auch die Originalseiten einer kompletten EC-Story von Graham Ingels.

Enthalten ist aber auch die deutsche Übersetzung des kompletten Protokolls einer Aussage von EC-Herausgeber Bill Gaines. Dieser hatte sich freiwillig gemeldet, um am 21. April 1954 den US-Senatsausschuss davon zu überzeugen, dass die von ihm produzierten durchaus moralischen Horrorcomics keineswegs die Jugend verderben. Gaines hielt vor dem Ausschuss zwar einen Monolog voller guter Argumente, versagte aber im Kreuzverhör und machte die Regierungsbehörden erst durch diesen Auftritt auf seine Comics aufmerksam.

Das Resultat war der Comics Code, der es Gaines unmöglich machte, seine Comics weiterhin an die Kioske zu bringen. Das ebenfalls von ihm verlegte Satiremagazin MAD rettete ihn vor dem Ruin. Es wurde zu einem Riesenerfolg, nachdem es nicht mehr als Comicheft, sondern als Magazin erschien und Gaines sich daher nicht mit den Vorgaben des Comics Code herumärgern musste.

Auch der Verleger James Warren veröffentlichte seine von Künstlern wie Frank Frazetta, Richard Corben oder Bernie Wrightson gezeichneten schwarzweißen Horrorcomics in Zeitschriften. Den ab 1964 bzw. 1967 erscheinenden Warren-Magazinen Creepy und Eerie widmet Alexander Braun ein Kapitel. Ein Großteil des Buchs beschäftigt sich außerdem damit, wo Monster wie Vampire, Werwölfe, Geister oder Zombies ihre Ursprünge haben und in welcher Form sie durch die Comics spukten.

Den Abschluss bilden Kapitel über Fumetti Neri wie Diabolik oder Dylan Dog, sowie besonders extreme Horror-Comics aus Japan. Alexander Braun arbeitet seine Themen nicht stur ab, sondern betritt unterwegs auch interessante Nebenwege und lockert den Text durch Anekdoten auf. Auch Leser, die sich bereits sehr gut mit Horrorcomics auskennen, dürften in diesem Buch so manche Entdeckung machen.

Heiner Lünstedt

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