Uli Oesterle: Vatermilch

Der 1966 in Karlsruhe geborene Zeichner und Autor (Hector Umbra, Schläfenlappenphantasien, Kopfsachen) ist einer der wenigen deutschsprachigen Comic-Künstler, deren Stil unverwechselbar ist. 2016 erhielt er den Förderpreis der Berthold Leibinger Stiftung und es sollte vier Jahre dauern bis der erste Band seiner vorab prämierten vierteiligen Reihe Vatermilch erschienen ist. Doch das Warten hat sich gelohnt.

Auslöser für das ambitionierte Projekt war 2010 ein “amtlich anmutender Brief“ aus Karlsruhe, der den Münchener Künstler darüber informierte, dass sein Vater Peter Oesterle verstorben ist. Seit 1975 war der Kontakt zum Vater abgebrochen und dieser war zeitweise obdachlos. Bereits zuvor hatte dieser nie “mehr als eine Zigarettenlänge Zeit“ für seinen Sohn gehabt.

Uli Oesterle: Vatermilch

In Vatermilch versucht Oesterle eine Biografie seines Vaters zu erzählen: “Die großen Lücken in seinem Lebenslauf verfugte ich mit Erdichtetem. Jedes einzelne Wort davon ist wahr.“  Peter Oesterle heißt daher im Comic Rufus Himmelstoss und hat einen Sohn namens Viktor, der Comiczeichner ist, Genau wie Oesterle fragt sich dieser, wieviel von seinem Vater in ihm steckt.

Uli Oesterle: VatermilchDie daraus resultierende Erzählung ist sehr vielschichtig. Die vielleicht größte Überraschung ist, dass Oesterles sich auf den ersten Blick scheinbar eher für lustige Geschichte eignender, stark karikierender, Stil der Geschichte nicht im Wege steht, sondern diese trotz ihres ernsten – teilweise sehr ernsten – Grundtons zu einer verdammt unterhaltsamen Angelegenheit macht.

Uli Oesterle: VatermilchIn stilvoll in Grau kolorierten Bildern erzählt Oesterle vom Handlungsreisenden Himmelstoss, der stärker daran interessiert ist, potentielle Kundinnen zu verführen, als ihnen Markisen fürs Eigenheim anzudrehen. Himmelstoss hat als Dienstwagen einen Jaguar E-Type und lässt es abends im Münchener Nachtleben ordentlich krachen. Er verschuldet sich dabei hoch und hat daher weder Zeit noch Geld für Frau und Kind.

In den vier Bänden von Vatermilch erzählt Oesterle eine Biografie seines Vaters: “Die großen Lücken in seinem Lebenslauf verfugte ich mit Erdichtetem. Jedes einzelne Wort davon ist wahr.“ Peter Oesterle heißt im Comic Rufus Himmelstoss und hat einen Sohn namens Viktor, der Comiczeichner ist. Genau wie Oesterle fragt sich dieser, wieviel von seinem Vater in ihm steckt. Oesterle fängt sehr stimmungsvoll die Münchener Disko-Szene der 70er-Jahre ein und nutzt diese als schillernden Hintergrund, um seine Hauptfigur als schmarotzenden Blender darzustellen. Dieser kann vielleicht gerade noch sich selbst, aber immer weniger seine Freunde und am allerwenigsten seine Ehefrau täuschen.

Ein interessanter Kontrast sind die in der Gegenwart angesiedelten violett kolorierten Erlebnisse des Comic-Zeichners Victor, der sich angesichts des schlechten Vorbilds fragt, ob er ein guter Vater ist. Zusätzliche Dramatik entsteht durch einen vom betrunkenen Himmelstoss verursachter Unfall mit tödlicher Folge und Fahrerflucht. Die ermittelnden Polizisten macht zu Oesterle zu interessant charakterisierten Nebenfiguren. Das ist eine Menge Holz, selbst für mehr als 100 Comicseiten. Doch Oesterle gelang mit Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss, dem ersten Band von Vatermilch, eine in sich abgeschlossene Comic-Erzählung. Diese ist einzigartig und macht gerade dadurch aber auf die Fortsetzungen gespannt.

Das Comicfestival München hatte vom 3. bis 6. Juni 2021 in die Alte Kongresshalle zu einer Zeitreise in das München der 70er-Jahre eingeladen. Wir verbreiteten echtes Disco-Fieber, schockieren mit grellen Tapten und zeigten auch den Jaguar E-Type von Rufus Himmelstoss.

www.oesterle-illustration.com

Laudatio von  Timur Vermes (Er ist wieder da) auf Uli Oesterle, der für Vatermilch den PENG!-Preis als bester deutschsprachiger Comic gewann:

Mit Leichtigkeit in den Abgrund

Man hätte so viel falsch machen können. Denn die Geschichte, die Uli Oesterle erzählt, ist alles andere als aufmunternd. Es geht um die Angst eines Sohnes, so zu werden wie sein Vater, es geht um Alkohol, Drogen, Absturz, und nichts wäre leichter, als daraus ein Sozialdrama zu machen, das in seiner eigenen Schwere ersäuft. Oesterle entgeht der Falle durch einen einfachen Trick: Er wechselt die Perspektive.

Auftritt Rufus Himmelstoß, Verkäufer für Markisen und Jalousien, der in den 70ern mit seinem Jaguar durch die Vorstädte kreuzt und dort die Desperate Housewives verschattet und vernascht. Der kokst, säuft, pokert, abends Runden schmeißt und Frauen aufreißt, während Frau und Sohn daheim das Geld ausgeht. Jeder sieht, dass der Billig-Casanova mit allem Schmiercharme tags nie so viel verkaufen kann wie der Aufschneider nachts verbrennt. Und dass er privat ein rücksichtsloses Arschloch ist, das seine eigenen Lügen noch glaubt, als ihm längst niemand mehr zuhört.

Diese Zeichnung hat Uli Oesterle extra für unsere Ausstellung angefertig!

Raffiniert, wie Oesterle hier Lüge und Wahrheit montiert. Die Authentizität borgt er vom eigenen Vater, die Attraktivität steigern Flunkereien, die alles fast noch wahrer machen. Oesterle erzählt mit dem Glanz, den sich sein Vater wohl nur erträumte: Himmelstoß wird ein Möchtegern-König von Schwabing, unterwegs im Auto gewordenen Schwanzvergleich, der auf Kosten anderer Leute in einem einzigartigen Palast Hof hält: der Disco „Yellow Submarine“, ein Hotspot mit lebenden Haien hinter Bullaugen, Prunkstück des sensationell größenwahnsinnigen Megakomplexes „Schwabylon“. Aber denkbar wäre die Geschichte genauso in einer Kneipe im Hamburger Schanzenviertel.

Manches ist Oesterle classic: Die durchgestylte Leichtigkeit. Die wohlwollend karikierten Figuren. Das gute Licht und die besseren Schatten. Neu ist, dass die Hallodri-Harmlosigkeit, die erst zum Lesen verführt, einen dann unwiderstehlich mit in den Abgrund reißt. Dass er so die Angst fühlbar macht, die Himmelstoß‘ Sohn vorm eigenen Leben hat. Und Oesterle, der bisher seine Erzählungen mit sanfter „Monaco-Franze“-Ironie versüßte, aber auch entschärfte, ist seinem Publikum näher als je zuvor.

Eine wundervoll teuflische Mischung. Wie gut, dass ein zweiter Teil folgen wird.