Garth Ennis: Punisher Collection 4

Mit 700 Seiten ist Paninis Abschlussband der Collection mit den Punisher-Comics von Garth Ennis zwar etwas weniger umfangreich als seine drei Vorgänger ausgefallen. Doch das wuchtige Hardcoverbuch hat es dennoch in sich.

Als Auftakt gibt es mit Roots eine von Joe Quesada kurz aber nicht schmerlos in Szene gesetzte Zahnoperation, die der Mann mit dem Totenkopf an einem Mafiaboss vornimmt.

Anschließend folgt mit Die Auferstehung der Ma Gnucci die Reunion des Dreamteams Garth Ennis und Steve Dillon, die eine wahnwitzige Fortsetzung ihrer unter dem Titel Welcome Back, Frank gestarteten Reihe lieferten. Nachdem Ennis bereits 1995 in der Story The Punisher kills the Marvel Universum von Frank Castle erzählte, gab er drei Jahre später seinen Serien-Einstand und ließ Dillon Comics in Szene setzen, von denen er später meinte: „Die meisten Geschichten waren höchst unwahrscheinlich und wurden mit einem Augenzwinkern serviert. Manchmal hörte man direkt die Looney Tunes-Melodie im Hintergrund.“

Ab 2003 beschritt Ennis neue Wege, seine Geschichten über Frank Castle hatten jetzt einen deutlich realistischeren und ziemlich grimmigen Grundton. Doch 2009 ließ er es zusammen mit Dillon noch einmal richtig krachen. Im Zentrum steht die bereits zweimal vom Punisher recht endgültig abservierte Mafiapatin Ma Gnucci, die ihre kriminellen Geschäfte fortführt.

Auch der dünkelhafte Vigilant Elite, den der Punisher ebenfalls das Lebenslicht ausgeblasen hatte, beginnt wieder damit, alles abzuschlachten, was er für Abschaum hält. Unterstützung erhält der Punisher von der hartgesottenen New Yorker Polizistin Molly von Richthofen. Die Erklärungen warum Elite und vor allem Ma Gnucci immer noch herumspuken sind herrlich aberwitzig, die Gewalttätigkeiten ebenfalls und eigentlich könnte es ewig so abgefahren weitergehen!

Doch Ennis nutzte seine weiteren Punisher-Comics dazu, um auf einem oft überraschend hohem Niveau, das fortzuführen, was er bereits ab 2001 mit seinen War Stories begonnen hatte. Ihn interessieren Superhelden nicht wirklich und sehr viel lieber erzählt er an realen Ereignissen orientierte Geschichten, die sich teilweise recht blutrünstig, aber auch sehr sorgfältig recherchiert mit dem Thema Krieg beschäftigen. Mit dem aus Kroatien stammenden Goran Parlov fand er hierfür den optimalen Zeichner. Dieser kann Kampfhandlungen explosiv in Szene setzen, lässt aber auch Dialogszenen spannend aussehen und teilt die Vorliebe von Ennis für exakt wiedergegebene Kriegsgerätschaften. Einige Seiten im Anhang dieses Buchs belegen, dass Parlov kein Problem damit hat, Seiten neu zu zeichnen, wenn er Propeller oder Fahrwerke von Flugzeugen falsch dargestellt hat.

2018 entstand mit der sechsteiligen Miniserie Platoon eine Fortsetzung zum Punisher-Comic Valley Force, Valley Force, der in Band 3 der Garth Ennis Punisher Collection enthalten ist. In einer Rahmenhandlung interviewt der Journalist Michael Goodwin im heutigen New York einige Vietnam-Veteranen, die Frank Castle ihr Leben verdanken. Erzählt wird von den ersten Kriegseinsätzen des noch unerfahrenen Offiziers Castle. Dieser findet sich schnell zurecht und hat – wenn es darauf ankommt – noch dreckigere Tricks drauf, als seine Vorgesetzten. Am Anfang der Geschichte ist Castle ein Team-Player, der sich verantwortungsbewusst für seine Männer einsetzt, doch das bleibt nicht lange so…

Interessant ist Platoon auch dadurch, dass Ennis und Parlov die Gegenseite ebenfalls zu Wort kommen lassen. So wird gezeigt, wie Michael Goodwin den äußerst kultivierten nordvietnamesischen Veteranen Giap interviewt. Dessen Fazit ist: “Die Vietnamesen kämpften für ihr Land und die Amerikaner für nichts und ohne zu wissen, warum sie es tun.“ Doch Ennis lässt den alten Mann noch ergänzen: “Nein, stimmt nicht, die Besten kämpften füreinander“. Damit benennt Garth Ennis wohl auch den Hauptgrund, warum er immer wieder Kriegsgeschichten erzählt.

Es folgt die Miniserie Sovjet in der Ennis den Punisher mit einer russischen Variante seiner selbst konfrontiert. Im Gegensatz zu Castle war Valery Stephanovich schuld daran, dass er seine Familie verloren hatte. Der Militärdienst in Afghanistan hatte ihn traumatisiert und in den Alkohol getrieben, was in einem Unfall mit tödlichem Ausgang resultierte. Sein ehemaliger Vorgesetzter Pronchenko war dafür verantwortlich, dass – abgesehen von ihm – alle Kameraden seiner Einheit brutal ermordet wurden. Als Stephanovich dies herausfand, bekam sein Leben wieder einen Sinn…

Konstantin Pronchenko hatte die Einheit an die Mudschahedin verraten und ist nach dem Ende des Afghanistan-Kriegs in den USA zu einem mächtigen Paten der Russenmafia in New York aufgestiegen. Dabei hat er sich niemals selbst die Finger schmutzig gemacht, ja noch nicht einmal den von ihm angeordneten Gewalttaten beigewohnt. Als sich Valery Stephanovich aufmacht, um dies zu ändern, findet er im Punisher einen ebenso verständnisvollen wie tatkräftigen Verbündeten.

Geschickt wechselt Ennis die Zeitebenen, erzählt realitätsnah vom Schicksal der einfachen russischen Soldaten im Afghanistan-Krieg. Auch der Ehefrau des Gangsters Pronchenko verpasst er eine interessante Vorgeschichte und das melancholische Ende wirkt noch lange nach.

Dies ist auch dem US-Zeichner Jacen Burrows (Neonomicon) zu verdanken, der mit Ennis bereits bei der ersten Crossed-Geschichte zusammenarbeitete. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch noch die von Paolo Rivera sehr ansprechend im Stile von russischer Propaganda-Kunst erstellten Titelbilder der aus sechs Heften bestehenden Miniserie.

Die letzten dreizehn in diesem Sammelband enthaltenen Hefte zeichnete wieder Goran Parlov. Im Zentrum der 2012 und 2013 veröffentlichten Storylines Kriegsgeschichten und Operation Barracuda steht nicht der Punisher, sondern der ebenfalls vom Krieg geprägte Marvel-Character Nick Fury. Bereits 2001 und 2006 hatte Garth Ennis Geschichten vom zynischen Supersoldaten mit der Augenklappe. Diese hätten sehr gut in diese Collection gepasst, auch wenn es keinen Bezug zum Punisher gibt.

Dies ist bei Operation Barracuda der Fall, denn hier spielt nicht nur der Vietnamese Giap eine wichtige Rolle, sondern in drei Heften wird auch davon erzählt, wie Fury und Castle gemeinsam in den Krieg ziehen. Insgesamt gehört die Miniserie My War Gone By zu den besten Geschichten von Ennis. Der Comic beginnt 1954 in Indochina. Kurz vor dem Ausbruch des Vietnamkriegs trifft der abgebrühte Nick Fury dort auf den jungen idealistischen Soldaten George Hatherly und auf die temperamentvolle Botschaftsangestellte Shirley Defabio.

In der im Jahre 1999 endenden Geschichte wird hauptsächlich davon erzählt, wie der nur inmitten diverser Kriege richtig aufblühende Fury immer er selbst bleibt. Zugleich ist zu erfahren, dass es das Schicksal nicht immer gut meint mit George, dem Vater einer beständig wachsenden Familie, und Shirley, die sich zwar stark zu Fury hingezogen fühlt, aber dennoch einen korrupten Politiker heiratet.

Diese unwiderstehliche Mischung aus brutaler Action, zu Herzen gehender Soap und lebendig erzählten Geschichtsunterricht lässt hoffen, dass Garth Ennis recht bald zum Punisher oder zu Nick Fury zurückkehrt.

Heiner Lünstedt

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Punisher: Mörderische Götter

Auch Paninis zweiter Band mit dem von Jason Aaron geschriebenen Punisher-Neustart wirkt zwiespältig. Doch immerhin wurde hier nicht versucht, den brutal seinen Rachefeldzug durchziehenden Marvel-Charakter Disney-kompatibel zu machen. Frank Castle, aber auch seine Gegenspieler, töten weiterhin im selben Maße, wie einst in den Comics von Garth Ennis und Steve Dillon.

Doch statt auf grimmigen Sarkasmus setzt Aaron auf Fantasy-Elemente, die nur bedingt zum zuvor eher in unserer Realität als im Marvel-Universum verankerten Punisher passen. Frank Castle muss sich weiterhin mit dem Ninja-Kults Die Hand, den einst Frank Miller für eine Daredevil-Serie erfand, herumschlagen. Der zweifelhaften Organisation ist es gelungen, die ermordete Familie des Punishers zu revitalisieren.

Wenn es nur diesen vom Star-Wars-Zeichner Jesús Saiz routiniert in realistischen Bildern in Szene gesetzten Part der Story gebe, könnte man den Neustart getrost als Blödsinn abtun. Doch in einem noch stärkeren Maße als in den ersten vier Heften arbeitete Aaron wieder teilweise ganz schön in die Tiefe gehende Rückblenden ein, die Paul Azaceta (Outcast) in einem experimentellen Stil realisiert hat.

Hier wird von einem Frank Castle erzählt, der schon als Jugendlicher Vergnügen an Gewalttaten hatte und bereits traumatisiert war, bevor seine Familie im Central Park von Gangstern ermordet wurde. Wenn hier aber auch ein Castle gezeigt wird, aus dem durch die Liebe zu seiner Frau Mary und den beiden Kindern auch ein treusorgender Vater hätte werden können, dann ist das sehr viel beeindruckender als das Ninja-Gemetzel der Haupthandlung.

Heiner Lünstedt

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Nils Oskamp: Drei Steine

In den 80er-Jahren wurde der Dortmunder Schüler Nils Oskamp Opfer von rechtsradikaler Gewalt. Er wiedersprach Mitschülern, die den Holocaust leugneten und machte sich über deren Anschauung offen lustig. Nachdem er einen Aufkleber der rechten Partei FAP entfernte, wurde er von drei Mitschülern brutal zusammengeschlagen. Doch obwohl er in der Schule und im Elternhaus keinerlei Unterstützung erfuhr, bestärkte die brutale Untat Nils Oskamp darin, weiterhin offen gegen Neonazis vorzugehen.

Nils Oskamp: Drei Steine

Eins der Resultate davon ist der Comic Drei Steine, in dem Oskamp die damaligen Ereignisse und seinen weiteres Lebensweg aufarbeitet. Bei oberflächlicher Lektüre könnte der Eindruck entstehen, dass Oskamps Erlebnisse eng mit den Verhältnissen in den achtziger Jahren zusammenhängen, als es offen rechtsradikale Lehrer gab, die noch in der Zeit des Dritten Reichs aktiv waren und ihre Schüler zweifelhaftes Liedgut singen ließen. Doch im Anhang des Comics informiert der Artikel “Kontinuität des Hasses“ von Alice Lanzke darüber, wie stark auch heute noch Nazis in Dortmund (und nicht nur dort) aktiv sind.

Nils Oskamp: Drei Steine

Nils Oskamps Comic ist ganz gewiss eine sehr gute Diskussionsgrundlage um über das Thema Rechtsradikalismus im Unterricht zu diskutieren, zumal die Handlung zu einem großen Teil in einer Schule spielt. Daher ist es sehr erfreulich, dass dank Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung hier gratis “Schulbuch-Exemplare“ des Comics bestellt werden können. Die Comic-Erzählung ist in den broschierten Ausgaben für den Unterricht zwar nicht ganz so umfangreich wie in der Panini-Hardcoverausgabe, doch die fehlenden Handlungselemente sind durch Prosa-Einschübe problemlos nachzuvollziehen.

Nils Oskamp: Drei Steine

Nils Oskamp gelang mit Drei Steine eine Comic-Erzählung, die keinen Leser kalt lassen dürfte und unweigerlich zum Nachdenken anregt.

Heiner Lünstedt

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Jan Reiser: Lurchi – Spielplatz mit Hindernissen

Mit Heft Nummer 168 wird die seit 1937 laufende Serie Lurchis Abenteuer fortgesetzt. Damit liegt nun nach Lurchis Höhlenabenteuer und Lurchis Luftpost das dritte lustige Salamanderheft von Jan Reiser (Sticks & Fingers,  De Gschicht vom Brandner Kasper, Der kleine Lord) vor.

Team Lurchi hat diesmal für die kleinen Kinder in Molchhausen einen Spielplatz mit Rutsche und Schaukeln gebaut, sehr zur Freude von Bürgermeisterin Katrin Kammmolch. Doch plötzlich erheben sich riesige Hügel: Die Maulwürfe bohren für die Stadt neue Abwasserkanäle und sind wohl falsch abgebogen.

Die großen Hügel sind nun da, doch zum Glück hat Zauberfee Emily einen rettenden Einfall! Die Hügel eignen sich hervorragend als Grundlage für eine Skaterbahn. Die Idee wird sofort mit Beton und handwerklichem Geschick fachmännisch ausgeführt. Und Emely zeigt ihr ganzen Können in der neuen Bahn mit ihren Inlineskates.

Die dynamische Panelaufteilung von Jan Reiser ist gekonnt und passt gut zu den vielen Bewegungen der Figuren, die alle gut in Szene gesetzt sind. Am Ende heißt es dann wieder: „Und lang schallt’s in der Halfpipe noch: „Salamander lebe hoch!“

Norbert Elbers

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Gibrat: Mattéo # 6: 1939 – 1940

Nach Der Aufschub, Von Dieben und Denunzianten startete der zuvor eher im Bereich des erotischen Comics tätige Gibrat 2008 mit Mattéo eine weitere historische Serie, die langsam aber sicher zum Epos anwächst.

Die Titelfigur ist ein junger Spanier, der in Frankreich lebt. Obwohl sein guter Freund Paulin bei Frontkämpfen das Augenlicht verloren hat, leidet Mattéo darunter, dass er nicht in den Ersten Weltkrieg ziehen kann. Er möchte sich gegenüber der von ihm geliebten Dorfschönheit Juliette unbedingt als echter Mann zu beweisen.

Mattéo geling es schließlich eingezogen zu werden. Dies bereut der junge Mann schon recht bald, auch wenn ihm die knapp an der großen Liebe vorbeischrammende Begegnung mit der britischen Krankenschwester Amélie für kurze Zeit auf andere Gedanken gebracht hat…

Vierzehn Jahre nach dem Start der Serie erscheint der sechste Band von Mattéo und beginnt im Jahre 1939, was angesichts des Veröffentlichungsrhythmus fast wie Echtzeit wirkt. Zwischendrin hat es Mattéo nach St. Petersburg, sowie an die Fronten des Spanischen Bürgerkriegs verschlagen und Band 6 endet in Dünkirchen.

Dabei gibt sich Gibrat große Mühe den historischen Hintergrund authentisch zu vermitteln. Vor glaubhaften Background ist sich Mattéo weiterhin nicht sicher, ob er sich stärker zu Amélie oder zu Juliette hingezogen fühlt. Eine zusätzliche Konstante ist der blinde Paulin, der es nicht lassen kann, kluge Ratschläge zu geben.

Doch so ganz ist doch nicht alles bei Alten, denn Mattéo hat mittlerweile einen Sohn, der wie einst sein Vater danach lechzt, Soldat zu werden. Etwas verändert hat sich unser Titelheld also doch, während Gibrats Zeichnungen unverändert großartig geblieben sind!

Heiner Lünstedt

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Chinaman

Als Chen Long Anh und sein Waffenbruder Chow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts San Francisco erreichen, bleiben die beiden Chinesen zunächst unter ihresgleichen. Beide sind Meister der Kampfkunst und arbeiten für den Triaden-Paten Wu Fei.

Doch nachdem Kim, eine junge Frau, die Chen sehr gerne hat, den Machenschaften der Triaden zum Opfer fällt, bricht Chen mit seinem vermeintlichen Förderer Wu Fei. Fortan nimmt er den Namen an, den ihn der US-Beamte bei der Einreise in die USA gab. Als „Chinaman“ flüchtet er vor seiner Vergangenheit (und vor Chow) in Richtung Osten…

1997 wurde diese Geschichte im ersten Chinaman-Album Die Goldberge erzählt. Bei der Story von Serge Le Tendre (Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit) und den Zeichnungen von Olivier Ta alias TaDuc (XIII-Mystery: Jonathan Fly) war noch recht viel Luft nach oben. Doch die bei Salleck veröffentlichte zweibändige Gesamtausgabe zeigt, dass sich bei Chinaman ein Dranbleiben lohnt.

In den Fortsetzungs-Alben Mit gleichen Waffen, Für Rose und Die Rostfresser erzählt Le Tendre spannende Western-Geschichten mit Eastern-Touch. Es geht um Wagentrecks, das Faustrecht der Prärie oder den Bau der Eisenbahn, an dem chinesische Arbeiter maßgeblich beteiligt waren. Dabei werden angenehme Erinnerungen an die klassische TV-Serie Kung Fu mit David Carradine.

Auch die Zeichnungen von TaDuc gewinnen immer mehr an Profil und müssen sich im Laufe der Serie immer weniger vor den großen Vorbildern Blueberry und Comanche verstecken. Neben den zwei Bänden der Gesamtausgabe wurde bei Salleck 2021 auch der Einzelband Der Tiger erwacht veröffentlicht.

Heiner Lünstedt

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Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel

Der niederländische Zeichner Eric Heuvel arbeitet in einem sehr sauber ausgearbeiteten Ligne-Clair-Stil, irgendwo zwischen Hergé und Willy Vandersteen.

Bei uns ist er vor allem durch seine nostalgische Abenteuer-Serie January Jones bekannt, von der in Holland bereits 11 Bände erschienen sind. Bei uns veröffentlichte Carlsen drei Bände der Serie, während Kult Comics 2017 eine Gesamtausgabe gestartet hat.

Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel

Beim selben Verlag ist auch das bemerkenswerte Buch Kriegsgeschichten erschienen. Enthalten sind mit Die Entdeckung, Die Suche und Die Rückkehr drei sehr sorgfältig gestaltete und recherchierte Comic-Alben , die Schicksale vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieg erzählen. Der schön aufgemachte Hardcover-Band ist ideal zum Einsatz in Schulen, sei aber auch Freunden europäischer Comic-Kunst empfohlen.

Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel

Neben einer bereits vergriffenen Gesamtausgabe von Eric Heuvels Serie Das Geheimnis der Zeit hat Kult Comics noch einen weiteren Prachtband im Angebot. Mit Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel feiert  der niederländische Künstler sein dreißigjähriges Jubiläum als professioneller Comiczeichner.

Gezeichnet hat’s … Eric HeuvelAuf 80 Seiten präsentiert er Entwurfszeichnungen, Illustrationen, Titelbilder, Werbegrafiken, Festival-Plakate, ein Bieretikett und kurze Comics, wie etwa eine für das niederländische MAD-Magazin entstandene Parodie auf die holländische Krimi-Serie Flikken Maastrich.

Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel

Die Aufmachung des auf 400 Exemplare limitierten Buchs ist großartig. Es steckt in einem Schuber und als Beilage gibt es noch ein 30-seitiges Heft im Querformat mit der für das Comicmagazin Eppo entstandenen Geschichte Allein um die Welt, die inspiriert wurde, durch die junge Seglerin Laura Dekker.

Gezeichnet hat’s … Eric Heuvel

Ganz nebenbei zeigt dieses schöne Buch auch, wie vielfältig und abwechslungsreich die Einsatzmöglichkeiten für niederländische Comic-Zeichner sind.

Heiner Lünstedt

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Eric Heuvel: Kriegsgeschichten

2000 schlug der niederländische Zeichner Eric Heuvel (January Jones) dem Anne Frank Haus in Amsterdam vor, einen Comic über den Zweiten Weltkrieg für junge Leser in Szene zu setzen. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Autoren gestaltete Heuvel eine höchst interessante Trilogie, die jetzt gebündelt in einem Hardcover-Band vorliegt.

Eric Heuvel: Kriegsgeschichten

Den Auftakt macht das Album Die Entdeckung, das sich mit der Zeit beschäftigt, als die Niederlande von deutschen Truppen besetzt wurden. Im Zentrum steht eine ganz normale Familie, die sich in jenen Jahren durchschlägt und versucht dabei anständig zu bleiben. Dies ist ganz besonders schwierig für den Vater, der als Polizist den Nazis zuarbeiten muss und auch beim Abtransport von Juden helfen sein soll…

Eine wichtige Figur in Die Entdeckung ist die junge Jüdin Esther, die nach der Machtergreifung der Nazis mit ihrer Familie Deutschland verlassen hat und nach Holland geflohen ist. Sie gerät dabei vom Regen in die Traufe, denn nachdem die Deutschen in Esthers neuer Heimat einmarschiert sind, werden auch dort Juden vom öffentlichen Leben ausgegrenzt.

Eric Heuvel: Kriegsgeschichten

Eric Heuvel setzt diese und die folgenden Geschichten in einem sehr sauber ausgearbeiteten Ligne-Clair-Stil – irgendwo zwischen Hergé und Willy Vandersteen – in Szene. Auf den ersten Blick scheinen seine klaren, manchmal fast schon klinisch reinen, Zeichnungen nicht zum sehr düstersten Thema zu passen. Doch Heuvels Bilder wirken zugleich wie eine exakte Rekonstruktion der damaligen Zeit. Außerdem sind seine Charaktere sympathisch und glaubhaft in Love Stories verstrickt, wodurch der Leser ihnen – wider besseren Wissens – nichts Böses wünscht. Den Einstieg in die Geschichten erleichtern zudem noch in der Gegenwart spielende Rahmenhandlungen.

Mit dem zweiten Album Die Suche drangen Heuvel und seine Co-Autoren noch ein ganzes Stück weiter vor, ins Reich der Finsternis. Esther bricht zu einer Reise in die Vergangenheit auf. Sie besucht jenen niederländischen Bauernhof, auf dem sie sich einst vor den Nazis versteckte und so die Judenverfolgung überlebte. Von ihrem Jugendschwarm Bob erfährt sie, dass ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Als Esther Bob in Israel besucht, erfährt sie schreckliche Details über den Leidensweg ihrer Eltern.

Eric Heuvel: Kriegsgeschichten

Das dritte in diesem Sammelband enthaltene Album Die Rückkehr erzählt als deutsche Erstveröffentlichung davon, wie das heutige Indonesien als holländische Kolonie Niederländisch-Indien 1942 von den Japanern besetzt wurde. Das hat schrecklich Folgen für die dort lebenden Kolonisten, die zu Freiwild werden, aber auch für die Einheimischen, die recht bald merken, dass die neuen Herren keine Befreier waren, sondern sie zu ihrem eigenen  Vorteil unterdrückten,  genau wie zuvor die Niederländer.

Das Buch wird abgerundet durch ein reich bebildertes und aussagekräftiges Nachwort. Die drei enthaltenen sehr sorgfältig gestalteten und recherchierten historischen Comics sind ideal zum Einsatz in Schulen, aber auch Freunden europäischer Comic-Kunst sei dieser schön aufgemachte Hardcover-Band empfohlen.

Heiner Lünstedt

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Böse Geister

Nach Gift und Haarmann und noch vor dem Erscheinen von Vasmers Bruder erzählte Peer Meter ausnahmsweise einmal keine Mörder-Ballade. Hauptfigur in Böse Geister ist der 60-jährige Harry Wallmann, der jenes Stadtviertel in dem er groß geworden ist, noch einmal aufsucht, bevor es abgerissen wird. Dabei kommen Erinnerungen auf, die meistens alles andere als angenehm sind.

Böse Geister

Harry Wallmann erinnert sich daran, wie er als kleiner Junge durch seine Vorliebe für Grusel-Romanhefte nicht nur den Spitznamen “Gespenster-Harry“, sondern auch immer wieder Ärger mit seinem gestrengen Schuldirektor Herrn Müller-Naujoks bekam. Dieser hatte im Krieg eine Hand verloren und ist auch für sein Lehrerkollegium alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse.

Böse Geister

Gute Erinnerungen hat Harry hingegen an den Ladenbesitzer Herrn Geffe, der ihn mit “Geschichten des Grauens“ versorgte und mit dem es ein halbes Jahrhundert später zu einem seltsamen Wiedersehen kommt…

Böse Geister

Gezeichnet wurde Böse Geister von Gerda Raidt, die bisher hauptsächlich als Illustratorin von Kinderbüchern aufgefallen ist. Ihr Bilderbuch Die Straße erzählt auf großformatigen Doppelseiten davon, wie sich ein Stadtteil und seine Bewohner im Laufe der letzten 100 Jahre verändert haben.

Böse Geister

Daher ist sie eine gute Wahl um Peer Meters immer wieder die Zeitebene wechselnde Geschichte in klare aber auch atmosphärische Bilder umzusetzen. Der einzige Nachteil ist, dass das Buch sehr schnell durchgelesen ist. Doch die Bösen Geister spuken danach noch eine ganze Weile im Kopf des Lesers herum.

Heiner Lünstedt

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Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

1924 wurde Fritz Haarmann hingerichtet nachdem er des Mordes an über 24 Jungen schuldig gesprochen wurde. Doch Haarmann lebte trotzdem einfach weiter, schon durch das Lied mit dem “kleinen Hackebeilchen“ aber vor allem durch Fritz Langs Filmklassiker M – Eine Stadt sucht einen Mörder sowie durch Götz Georges beängstigendes Psychogram des Massenmörders in Romuald Karmakars Der Totmacher.

1990 erschien bei Carlsen von einer vom Texter Peer Meter auf drei Bände angelegten und von Christian Gorny gezeichneter Haarmann-Serie lediglich der erste Teil. Doch nachdem Meter 2010 mit dem von Barbara Yelin gezeichneten Album Gift über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried ein glanzvolles Comic-Comeback feierte, wurde – warte, warte nur ein Weilchen – auch Haarmann vollendet bzw. in einer Gesamtausgabe komplett neu angegangen. Danach widmete sich Peer Meter in Vasmers Bruder dem Serienmörder Karl Denke.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

Während Christian Gorny auf karge aber doch irgendwie beeindruckende (wenn auch nicht sonderlich lesefreundliche) Grafik setzte, hat Isabel Kreitz (Die Entdeckung der Currywurst, Der 35. Mai, Die Sache mit Sorge) die Geschichte des Massenmörders in ihrem ausgereiften Zeichenstil mit manchmal fast schon zu detailfreudigen schwarzweißen Bildern in Szene gesetzt.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann
Isabel Kreitz

Ähnlich wie schon bei Gift lässt Peer Meter den Leser zwar auch über die Morde schaudern, aber noch mehr darüber, wie wenig die offiziellen Stellen unternommen hatten, um die Untaten zu verhindern. Im Falle Haarmann verfügte der auch als Spitzel für das Diebstahlskommisariat Hannover arbeitende Mörder gar über einen Polizeiausweis. Wenn die verzweifelt nach ihren verschollenen Söhnen suchenden Eltern von der Polizei wie Bittsteller von oben herab behandelt werden, verbreitet sich dabei fast ebenso viel Grusel wie bei der Vorstellung das Haarmann die örtlichen Gaststätten höchstwahrscheinlich mit Menschenfleisch beliefert hat.

Isabel Kreitz & Peer Meter: Haarmann

Sehr nah an historischen Tatsachen orientiert gelang Meter und Kreitz ein beängstigend faszinierender Blick in menschliche Abgründe.

Heiner Lünstedt

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