Wundervolle Sommer 6: Les Genêts

Ein sechstes und letztes Mal erzählt das Dreamteam Zidrou und Jordi Lafebre von der belgischen Familie Faldérault, die alljährlich zu turbulenten Reisen nach Südfrankreich aufbricht. Doch genau genommen geht es diesmal um die chronologisch zweite Reise, die im Jahre 1970 stattfindet. Zuvor erschienen bereits Alben, die von den wundervollen Sommern der Familie in den Jahren 1962, 1969, 1973, 1979 und 1980 erzählten.

1970 gibt es wieder Verspätungen, da Papa Pierre auch diesmal noch ganz dringend einen Comic fertigzeichnen muss. Als die Faldéraults endlich mit Mam’zelle Estérel, ihrem roten Renault 4L, aufbrechen, sind sie noch zu fünft, doch Mama Madeleine ist hochschwanger.

Diesmal schaffen es die Faldéraults nicht bis ans Meer, da bei einem Autounfall Mam’zelle Estérels Windschutzscheibe zu Bruch geht. Da nicht sofort Ersatz aufzutreiben ist, muss die Familie einige Tage auf die Lieferung einer neuen Scheibe warten. Doch sie zum Glück kommen sie auf dem von Ginster umwachsenen idyllischen Bauernhof „Les Genêts“ unter. Im Schatten der Erlen dürfen die Faldéraults dort ihr Zelt aufbauen.

Sie werden sehr herzlich aufgenommen von den Bäuerinnen Esther und Estelle, die zweimal wöchentlich auf dem örtlichen Markt mit Hofprodukten wie Ziegenkäse oder Konfitüre einen schwunghaften Handel betreiben. Die Faldéraults halten ihre Gastgeberinnen für Schwestern, doch die Kinder staunen nicht schlecht, als sie die beiden Frauen dabei beobachten, wie sie liebevoll Zärtlichkeiten austauschen…

Auf den ersten Blick mag sich so mancher darüber wundern, dass diese scheinbar schlichte Geschichte von Jordi Lafebre derart detailverliebt in Szene gesetzt wurde. Das Resultat kann jedoch voll überzeugen und lässt an eigene unvergessliche Urlaubserlebnisse denken.

Außerdem hat Zidrou auch diesmal in seine turbulente Geschichte wieder einige ganz schön in die Tiefe gehende Momente eingearbeitet. Scheinbar ganz nebenbei erzählt er davon, dass es für die beiden sich liebenden Frauen nicht immer leicht ist, auf dem Lande zu leben.

Dieser signierte Druck liegt der Vorzugsausgabe bei.

Es ist sehr schade, dass dieser großartigen Band die Serie beendet, denn eigentlich haben die Faldéraults noch sehr viele weitere wundervolle Sommer erlebt…

Heiner Lünstedt

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Der Riddler: Das erste Jahr

Der Riddler hatte seinen ersten Auftritt 1948 in Detective Comics 140, geschaffen wurde er von dem Autoren Bill Finger und dem Zeichner Dick Sprang. Er ist auch bekannt und beliebt aus unzähligen Videospielen, Trick- und Realfilmen. Anfangs noch eher als ein Schabernack treibender Irrer charakterisiert, erkannte man später immer mehr wieviel Potential in seinem Genie steckt. So wurde die Origin des Riddlers über die Jahre immer wieder neu erzählt und um weitere Facetten bereichert.

Während der Dreharbeiten zu The Batman entwickelte der Schauspieler Paul Dano, der in dem Film den Riddler alias Edward Nashton verkörperte, eine Hintergrund- und Entstehungsgeschichte für seinen Charakter. Dem Regisseurer gefielen Danos Ideen und er stellte sie DC-Comics vor, woraufhin es zum offiziellen Okay für diesen von Dano getexteten Riddler-Comic kam.

Geschichten mit dem Titel “Das erste Jahr“ sind für die Autoren immer eine Herausforderung, denn sie müssen sich immer an Frank Millers Batman – Year One messen. Paul Dano meistert diese Hürde problemlos und erzählt eine komplette Lebensgeschichte vom Riddler, von der Mutter, die Edward Nashton in ein Waisenhaus gibt und selbst im Arkham Asylum landet und von dessen ebenso großen Schüchternheit wie Intelligenz.

Edwards Interesse für Rätsel, Zahlen und Puzzels – gepaart mit seinen sozialen Defiziten – lassen ihn dennoch eine Anstellung bei einem Buchhalter finden. Schnell erkennt er den wahren Sinn der Firma: Geldwäsche und verschiedene politische Persönlichkeiten in Gotham diskret zu bestechen, darunter den Bürgermeister, den Polizeichef und den Bezirksstaatsanwalt. Edward findet bald heraus, dass all dies unter der Kontrolle des Gangsters Carmine Falcone steht.

US-Variantcover von Jock

Edwards psychische Gesundheit und sein Selbstwertgefühl verschlechtern sich immer mehr, was sogar dazu führt, dass er Antipathien gegenüber jedem in Gotham entwickelt. Eines Abends auf dem Nachhauseweg beobachtet er Batman, wie dieser einen Kriminellen festnimmt. Edward beginnt, den Vigilanten zu bewundern und seine Aktivitäten zu verfolgen. Schließlich wird er selbst zum maskierten Rächer.

Variantcover von Stevan Subic

Die Zeichnungen von Stevan Subic lehnen sich an Dave McKeans Arbeiten zu Arkham Asylum an, können aber dennoch durch einen eigenen Stil überzeugen. Der Band erscheint unter DCs Black Label. Das Cover der regulären Softcover-Ausgabe stammt von Bill Sienkiewicz, es gibt aber auch eine auf 222 Exemplare limitierte Ausgabe mit einem Titelbild von Subic.

US-Variantcover von Mike Mignola

IIn den USA wurde The Riddler: Year One zunächst in Form von sechs Heften veröffentlich, von denen es zahlreiche weitere Variantcover von Künstlern wie Mike Mignola, Jock, Jorge Fornés oder Jim Lee gab. Bill Sienkiewicz hat zu jedem dieser Hefte ein alternatives Titelbild beigesteuert. Die Panini-Ausgabe enthält alle diese visuellen Meisterwerke.

Norbert Elbers

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Luise Mirdita: Schattenspiel

Als Karlotta aus den Sommerferien in ihre Schule zurückkehrt, denkt sie zunächst: “Eigentlich ist es jedes Jahr das gleiche… Der gleiche Ablauf. Die gleichen Gesichter“ und nachdem sie wieder sehr viel Zeit mit ihrem schüchternen Mitschüler Felix verbringt, muss sie feststellen: “Die gleichen Gemeinheiten.“

Doch nachdem Karlotta Aufnahme in eine Clique von beliebten Mädchen findet, zur Klassensprecherin gewählt wird und zusammen mit einer als Influencerin erfolgreich tätigen alten Freundin Schminktipps online stellt, scheint in ihrem neuen Leben kein Platz mehr für Felix zu sein. Doch so richtig wohl fühlt sie sich dabei nicht.

Dies schlägt sich auch in Karlottas Träumen nieder. In einer Fantasywelt arbeitet sie nicht nur eigene Erlebnisse auf, sondern agiert dort auch als tatkräftige Actionheldin Charlotte. Im gefiederten Mantel und mit längeren Haaren meistert sie gefährliche Missionen. Doch nach einigen Anfangserfolgen, stellt Karlotta fest, dass Charlottes Traumaktionen ihr nicht wirklich dabei helfen die Realität zu meistern.

Auf knapp 300 schwarzweißen 300 Seiten, die der Verlag Schwarzer Turm als übergroßes Paperback veröffentlicht, gelang Luise Mirdita ein ebenso realistisch wie auch fantasievoll erzählter Comic-Tripp. Dabei wechselt sie immer wieder von in kleinteiligen Panels empathisch erzählten Sequenzen zu den in großen Bildern in Szene gesetzten Träumen, wodurch sie zum Binge-Lesen animiert.

Auf dem Comic Salon in Erlangen 2024 wurde Schattenspiel mit dem ICOM Independent Comic Preis als “Bester Kinder- oder Jugendcomic“ ausgezeichnet und dies völlig zu Recht!

Heiner Lünstedt

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Tobi Dahmen: Columbusstraße

Mit Columbusstraße ist Tobi Dahmen eine umfangreiche und in jeder Hinsicht wirklich gewichtige Graphic Novel geglückt. Die Geschichte beginnt etwa zu der Zeit, in welcher Berlin von Jason Lutes, der in seinem Buch den Niedergang der Weimarer Republik beleuchtet, geendet hat.

Entlang einer Familiengeschichte schildert Dahmen die Entstehung und den Untergang von Nazi-Diktatur und Drittem Reich. Er vermittelt durch persönliche Entwicklungen, Veränderungen und Schicksale seiner eigenen Familien aus Düsseldorf und Breslau Einblick in die Geschehnisse dieser Zeit.

Die ersten Passagen nutzt der Autor um die handelnden Personen bekannt und vertraut zu machen. Neben ein paar geäußerten Worten derselben genügen zarte Andeutungen – das minimale Ausrichten eines Bildes, die Korrektur einer Zierfeder – um sich ein Bild von der charakterlichen Ausprägung der Protagonisten machen zu können. Die durch die Diktatur bedingten Änderungen in Verhalten und persönlicher Sichtweise werden im Folgenden ähnlich dezent – stimmig und nachvollziehbar – dargestellt.

Dahmen nutzt persönliche Dialoge und eine zurückhaltende, klare Bildsprache um die ihm wichtigen Informationen zu transportieren: das Arrangement des gehobenen Bürgertums und der Industrie mit dem Nationalsozialismus, die frühe Kenntnis vom Konzentrationslager Dachau und in Summe eine Vielzahl weiterer interessanter geschichtlicher Fakten. Den klaren, fast lakonischen Strich in Weiß-, Grau- und Schwarztönen behält der Autor das gesamte Buch hindurch ebenso bei wie eine weitgehend klassische Anordnung der einzelnen Panels. Beides ist der Erzählung dienlich und öffnet den Blick des Lesers für das „Eigentliche“.

Gerne nimmt der Autor das Schlusspanel einer Sequenz um damit ein Ausrufezeichen zu setzen – oder aber dem Vorhergegangenen eine ganz andere Wendung zu geben. Ein auch gerne verwendetes Stilelement ist der bewusste Widerspruch von Text- und Bildwiedergabe. Exemplarisch stellt Dahmen in der Schilderung der Russlandfeldzüge, an denen zwei Söhne des eingangs vorgestellten Familienoberhaupts teilnehmen, die von ihnen verfasste abwiegelnde, um Normalität und Optimismus bemühte Feldpost nach Hause in deutlichen Gegensatz zu der gezeichneten Realität an der Front. Beim Lesen erzeugt dieses Aufbrechen und in Widerspruch stellen Betroffenheit und Beklemmung und macht die bedrückende Lektüre dennoch – selber erlebtes und erlesenes Paradoxon! – leichter annehmbar.

Überhaupt gelingt Tobi Dahmen über das ganze Buch hinweg der Spagat ausnehmend gut, einerseits die Leserschaft mitzunehmen in die persönliche Familiengeschichte dieser zehn Jahre von 1935 bis 1945, andererseits die objektiven und faktenbasierten Geschehnisse dieser Zeit akkurat und genau wiederzugeben. Ein interessantes und bereicherndes Leseerlebnis auf jeder Seite ist garantiert.

Dieses müsste nicht auf den einzelnen Leser beschränkt sein. Neben dem Inhalt und der Art diesen mitzuteilen, laden ein umfangreiches Glossar wie der angehängte Text-und Bildquellennachweis am Ende des Buchs geradezu ein, die Columbusstraße auch im Geschichts- und Ethikunterricht bei der Behandlung des Themas Nationalsozialismus mit zu verwenden. Es wäre wünschenswert, wenn möglichst viele Lehrkräfte diese Einladung annehmen könnten. Von der Dankbarkeit der Schüler bei einem solchen Schritt kann man sicherlich ausgehen.

Fazit: Was einst Thomas Manns Buddenbrooks für die Literatur war, könnte die Columbusstraße auf dem Feld der deutschsprachigen Graphic Novels werden. Das feinfühlig-pointierte Storytelling, die gelungene zeichnerische Umsetzung, die faktenbasierte Wiedergabe der historischen Dimension und vieles mehr machen das Buch zu einem großen Erzählroman, dem eine möglichst zahlreiche Leserschaft zu wünschen ist. Auf ein weiteres Buch aus seinem Familienkosmos – welches der Autor im Glossar versteckt andeutet – warte ich jedenfalls schon jetzt gespannt.

Uwe Sieber

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Scott Pilgrim

2004 startete Bryan Lee O’Malley eine zwar schlicht gezeichnete aber ergreifend erzählte Serie. Anfangs schildert er sehr realistische und sensible die Lebensumstände einiger Heranwachsender in Toronto, die an den Erfolg ihrer Band Sex Bob-omb glauben.

Hautfigur ist der 23-jährige Scott Pilgrim, der selbst nicht genau weiß, warum er ein minderjähriges Schulmädchen datete. Doch plötzlich trifft er mit der regelmäßig die Haarfarbe wechselnden Amazon-Kurierin Ramona Flowers die Liebe seines Lebens. Doch dem gemeinsamen Glück im Wege stehen Ramonas sieben mit Superkräften ausgestatteten Ex-Lover, die ihn nacheinander zu Zweikämpfen herausfordern…

Der schwarzweiße Comic beeindruckte den britischen Regisseur Edgar Wright (The World’s End, Last Night in Soho), der diesen 2010 unter dem Titel Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt als knallbuntes, rasant und clever geschnittenes Spektakel adaptierte.

Wright ist an der aktuellen Netflix-Anime-Serie Scott Pilgrim hebt ab als Produzent beteiligt. Bryan Lee O’Malley nahm hierfür einige Änderungen an seiner Comicstory vor und ihm gelang eine lässige, alternative Version der Love Story von Ramona und Scott.

Doch zurück zum Comic, der bereits 2012 in Nordamerika als von Nathan Fairbairn kolorierte Farbversion neu aufgelegt wurde. Diese Fassung, die auch optisch bei der Farbenpracht von Kinofilm und Animeserie mithalten kann, präsentiert Panini jetzt – garniert mit interessanten Hintergrundinfos – als sechsbändige Hardcover-Ausgabe.

Heiner Lünstedt

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Rick Veitch: Die Saga von Swamp Thing

In drei schönen, leicht überformatigen Bänden veröffentlichte Panini alle von Alan Moore geschriebenen Comics mit Swamp Thing. Jetzt folgt in derselben Aufmachung eine zweibändige Edition mit den im direkten Anschluss entstandenen Heften, die im Alleingang von Rick Veitch getextet und gezeichnet wurden.

Der auch im Underground tätige Künstler zeichnete zuvor bereits einige der von Moore getexteten Ausgaben und erzählt die Sumpf-Saga ebenso esoterischen wie verrätselt weiter, inklusive dem Parlament der Bäume und der seltsamen Fähigkeit der Titelfigur, an jedem Ort aus der Erde heraus wachsen zu können. Auch unter Veitch blieb Swamp Thing eine der innovativsten Mainstream-Serien der Achtziger.

Eine wichtige Figur ist dabei der unberechenbare Westentaschenmagier John Constantine, dessen ersten von Moore geschriebenen Auftritt Veich bereits einige Jahre zuvor in Swamp Thing # 37 in Szene gesetzt hatte. Noch bevor Constantine mit Hellblazer eine eigene Serie bekam, spielte der Mann aus Liverpool bei Veitch eine große Rolle. Swamp Thing schlüpft sogar in den Körper des Briten, um ein Kind zu zeugen, doch dabei hat er die Rechnung ohne seine geliebte Abby gemacht…

Während die von Moore geschriebenen Heften in einer großartigen neuen Computer-Kolorierung von Steve Oliff (Akira) präsentiert wurden, erscheint Rick Veitchs Swamp Thing in der ursprünglichen Farbgebung. Diese stammt immer von der in Darmstadt geborenen Tatjana Wood, der Gattin von Wally Wood.

Rick Veitchs von DC abgelehntes Cover für Swamp Thing # 88

Es besteht noch eine leise Hoffnung, dass der im Dezember erscheinende zweite Band auch Veitchs letzte, seinerzeit von DC abgelehnte Ausgabe Swamp Thing # 88 enthalten wird. In diesem von Michael Zulli bereits fertig gezeichneten Heft ließ Veitch Jesus Christus als Comicfigur auftreten und Swamp Thing zu dessem Kreuz werden. Zurzeit sammelt der außerhalb des Mainstreams immer noch sehr aktive Veitch emails, um DC dazu zu bewegen, doch noch sein Evangelium zu veröffentlichen.

Heiner Lünstedt

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Gaston: Die Rückkehr eines Chaoten

Über die Frage, ob eine neue Comicversion von Gaston nötig war, könnte man stundenlang diskutieren. André Franquin, der Schöpfer des legendären Büroboten, hat immer wieder betont, dass er eigentlich dagegen sei. Doch bei dem Relaunch, den der kanadische Zeichner und Texter Marc Delafontaine alias Delaf abgeliefert hat, ist schwer vorstellbar, dass der große Meister Franquin darüber unglücklich gewesen wäre.

Auf den ersten Blick fällt beim Durchblättern natürlich das Artwork ins Auge. Dies ist gekonnt und ausdrucksstark. Einziges Manko ist vielleicht, dass Delaf – ähnlich wie der neue Asterix-Künstler Didier Conrad – ein guter Zeichner ist und dies auch zeigen will, was sich häufig in etwas zu vollgestopften Bildern mit jeder Menge versteckten Details niederschlägt.

Doch beim Humor des neuen Gastons kommen Leserinnen und Leser voll auf ihre Kosten. Die grundsätzlich als Onepager angelegten Comicseiten profitieren vom Insiderwissen der Fans, etwa, wenn Gaston auf der ersten Seite nach jahrelangem (!) Urlaub endlich wieder von seinen Kollegen empfangen wird mit den Worten: „Der Mann, der schneller scheitert, als sein Schatten ist wieder da!“

Gekonnt spielt jede weitere Seite mit diesem Wissen. Es kristallisiert sich dabei aber auch eine lose zusammenhängende Geschichte heraus. Etwa wenn Gastons zeichnerisch völlig untalentierter Kumpel mit einer Mappe unterm Arm regelmäßig siegesbewusst den Carlsen Verlag betritt, um dort seine Machwerke anzubieten. Die Verlagsangestellten ihrerseits haben alle Hände voll zu tun, sich um die neuen Erzeugnisse des (im Comic) erst kürzlich reaktivierten und quicklebendigen Großmeisters Franquin zu kümmern. Dass dabei alles schief geht, was schief gehen kann ist klar. Nur so viel: Für Gastons untalentierten Kumpel gibt es definitiv ein Happy End.

Aber auch andere Nebenfiguren aus dem Gaston-Kosmos geben sich ein Stelldichein: Fräulein Trudel, die Dauerverliebte von Gaston, die diesem bei einem Campingausflug den Hof macht, was diesem natürlich vollkommen entgeht, oder Verkehrspolizist Knüsel, der Gaston erst liebenswerterweise zu einem umkämpften Parkplatz verhilft, um ihm dann nach erfolgreichem Einparken ein Knöllchen zu verpassen. Zeitlich scheint sich nichts verändert zu haben: Dieselben alten Autos auf den Straßen, dieselbe analoge Büroeinrichtung. Am deutlichsten wird diese bewusste Verweigerung des Computerzeitalters, als Gaston ein „Mobiltelefon“ erfindet, das auf Schienen an der Wand neben ihm herfährt.

Alles in allem kann man sagen: Es wird nichts ausgelassen, was das Fan-Herz höher schlagen lässt. Dennoch ist es natürlich kein echter Franquin. Logisch, weil der eben nicht mehr unter uns weilt. Die Frage, die freilich bleibt und die Gemüter teilt: Wozu? Für Delaf scheint der Fall klar: Er hat seinem Vorbild Franquin huldigen dürfen. Für den Verlag ist der Fall ebenfalls klar, denn dieser profitiert vom Hype. Was den Leser betrifft, kann ich in meinem Fall nur sagen: Alles richtig gemacht!

Matthias Schäfer

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Nicolas Mahler: Mein Therapeut ist ein Psycho!

2014 erschien die schon lange vergriffene erste Auflage dieses Buchs bei der edition moderne. Mein Therapeut ist ein Psycho war damals ein schmaler Band mit 56 Seiten, die Neuauflage ist sehr viel umfangreicher. Der Suhrkamp Verlag feiert dies recht treffend mit den Worten “Jetzt doppelt so neurotisch!“

In letzter Zeit veröffentlichte Nicolas Mahler schräge Comicadaptionen von Klassikern wie Ulysses oder Bücher, die sich pointiert mit Persönlichkeiten wie Franz Kafka, Thomas Bernhard oder Romy Schneider beschäftigen. Dabei ist etwas in Vergessenheit geraten, was für ein ebenso schräger wie treffsicherer Cartoonist der Wiener ist.

Die in diesem Band versammelten Bildwitze kreisen um die Themen Psychoanalyse und Geisteserkrankungen. Dabei macht sich Mahler weniger über die Patienten lustig, sondern die Zielscheibe seines Spottes sind zweifelhafte Heilmethoden, wie die Chaostherapie, bei der häufig die Unterlagen abhanden kommen, einem Harakiri-Lehrgang mit wechselnder Kursleitung, oder jenem Urschrei-Workshop, der direkt neben der Hörsturz-Selbsthilfegruppe stattfindet.

Heiner Lünstedt

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Olivia Vieweg: Fangirl Fantasy

Alan Dale fühlt sich unwohl als vermeintlicher Hauptdarsteller eines Films mit dem Titel My Wife, her Corgi (and me). Anstelle in einem zweiten Teil der erfolgreichen Hundeschmonzette auftreten zu müssen, hoffte er darauf, sich auf Londoner Bühnen als Shakespeare-Darsteller profilieren zu können.

Dass er sich im Laufe seiner bisherigen Karriere in eher seichten Filmen und Fernsehserien eine sehr aktive und teilweise auch aufdringliche Fanbase erarbeitet hat, bestärkt ihn in seinem Entschluss zu Imagewechsel.

Alan hat jedoch nicht mit den fanatischten Fangirls Kate, Ashley und Lia gerechnet. Das Trio postete bereits haufenweise eigene Stories rund um Alan Dales Frühwerke: Dem romantischen historischen Drama Only the Wind knows, der Science-Fiction-Serie Opportunity und dem Superhelden-Franchise Young Protectors.

Doch dies war den jungen Frauen nicht genug. Es gelang ihnen Alan nach Ostdeutschland zu entführen, um in einer stillgelegten Spielzeug-Fabrik ihre ultimativen Fangirl-Fantasien auszuleben. Gut ausgestattet mit Cosplay-Klamotten wollten sie gemeinsam mit Alan ihre schönsten Fanfiction-Momente ausleben…

Olivia Vieweg weiß wovon sie schreibt und zeichnet. Im Nachwort bedankt sie sich bei allen, die ihr “Fangirling so geduldig ertragen haben.“ Daher hat sie keinerlei Interesse daran, sich über Fangirls wie Kate, Ashley oder Lia lustig zu machen. Für sie ist es völlig legitim, den manchmal etwas tristen Alltag durch das Ausleben von Obsessionen aufzupeppen.

Olivia Viewegs 260-seitiger Comic ist ein wunderschön kolorierter wilder Ritt durch die Welten der Trivialkultur. Dabei sorgen die glaubhaften Hauptcharaktere und das – wie schon zuvor in Huck Finn, Antoinette kehrt zurück und Endzeit – scheinbar beiläufig eingefangene Lokalkolorit des deutschen Ostens dafür, dass die Geschichte sehr viel mehr ist, als die Fantasie eines Fangirls.

Heiner Lünstedt

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Max & Luzie Integral

Mehr als 40 Jahre hat es gedauert, doch jetzt erscheint eine der besten deutschen Comicserien endlich in einer den großartigen Zeichnungen von Franz Gerg angemessenen Edition. Bei Max & Luzie handelt es sich zwar um einen Werbecomic der Allianz Versicherung, doch die turbulenten Abenteuer, die die beiden Titelhelden, bei denen es sich um Kinder handelt, zusammen mit dem kauzigen Kiez auf ihren Zeitreisen erleben, sind alles andere als plumpe Reklame.

Vielmehr bemühte sich Monika Sattrasai, die die Serie als Herausgeberin betreute und von der die in den Heften enthaltenen Sachartikel stammen, darum auf 16 Seiten ebenso abenteuerliche, wie auch spannende, lustige und historisch korrekte Geschichte zu erzählen. Wie man hört hatte Sattrasai dabei regelmäßig Streit mit dem Autorenduo Doris Ertel-Zellner und Reinhold Zellner.

Doch aus diese Auseinandersetzungen gingen erstaunliche Geschichten hervor, die Franz Gerg zu grafischen Höchstleistungen anspornten. Durch seine dynamischen und perspektiv oft überraschenden Bilder wäre er in Frankobelgien zu einen der Stammzeichner des Spirou-Magazins geworden. Die Hefte mit Max & Luzie hingegen, wurden zwar in Auflagen von bis zu 500.000 Exemplaren gedruckt, erreichten jedoch nur Leser, die einen Alianz-Versicherungsvertreter kannten.

In der bundesdeutschen Comicszene fand die Serie daher kaum Beachtung, erfreute aber in der DDR einige Mosaik-Fans, für die Max, Luzie und Kiez Artverwandte der ebenfalls durch Raum und Zeit reisenden Digedags und Abrafaxe waren. Vielleicht ist es auch daher der umtriebige Leipziger Verlag Kult Comics, dem es gelungen ist, eine Gesamtausgabe von Max & Luzie zu starten.

Franz Gerg auf dem Comicfestival München 2021

Angekündigt sind sechs gebundene Sammelbände mit insgesamt 48 Heften der Serie. Dabei bleiben die ersten 19 Ausgaben von Max & Luzie (erst einmal?) unberücksichtigt und die Veröffentlichung startet mit dem zwanzigsten Heft In der französischen Revolution von 1989 und endet in Band Sechs mit Bei Dschingis Khan, dem 68. und “letzten in der klassischen Art gemachten Max & Luzie-Comic“. Der 2001 vor dem gescheiterten Relaunch veröffentlicht wurde.

Der Integral-Reihe von Max & Luzie ist ein großer Erfolg zu wünschen, auch weil dann vielleicht auch noch die restlichen Comics erscheinen werden. Die Qualität des enthaltenen Comicmaterials und die interessanten reich bebilderten Sachartikel machen Hoffnung darauf, dass die großartige Serie in dieser adäquaten Form endlich komplett erscheint. Es ist dabei sicher hilfreich, wenn Fans von Max & Luzie direkt beim Verlag ein Exemplar der auf 99 Exemplare limitierten Variantcover-Ausgabe mit zwei exklusiven, von Franz Gerg signierten Exlibris bestellt.

Heiner Lünstedt

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