Das Aachener Experiment

Der 1969 in Kolumbien geborene Henry Kreklow lebt in Belgien und arbeitet in Köln. Im Selbstverlag veröffentlicht er zwei bis drei Comics pro Jahr. Dabei handelte es sich bisher um humoristische Titel wie Graf Rucola: Der vegetarische Vampir oder Der Veggie-Wolf. Doch jetzt hat er sich eines sehr ernsten Themas angenommen.

Im von Alexander Samz gegründeten nonplusulta Verlag veröffentlichten Comic Das Aachener Experiment beschäftigt sich Kreklow nach intensiven Recherchen mit einem in Vergessenheit geratenen Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte. 1944, als der Zweite Weltkrieg noch voll in Gange war, hatten die Amerikaner das zerstörte Aachen eingenommen und unternahmen einen ersten Versuch auf deutschen Boden die Demokratie wiedereinzuführen.

Der Jurist Franz Oppenhoff hatte sich zuvor bereits erfolgreich – etwa bei der Verteidigung eines jüdischen Druckereibesitzers – gegen die Nationalsozialisten behauptet und im schwer umkämpften Belgien Verhandlungen mit amerikanischen Militärs aufgenommen. Oppenhoff wurde daher von den Amerikanern im Oktober 1944 zum Aachener Oberbürgermeister ernannt.

Henry Kreklow vermitelt in seinem 168-seitigen Comic sehr gut die Persönlichkeit Oppenhoffs und die Bedenken, die damals gegen dessen streng katholische und antikommunistische Einstellung herrschten. Den Schwerpunkt seiner Geschichte bildet jedoch ein von Heinrich Himmler (und wohl auch von Hitler persönlich) angeordnetes Kommandounternehmen zur Ermordung Oppenhoffs.

Dass diese Aktion den Namen “Operation Karneval“ erhalten hatte, reizte den Humoristen Kreklow. Alles andere als bierernst schildert er wie fünf mehr als naive Mitglieder der Hitlerjugend, die im Nazi-Untergrund als sogenannte “Werwölfe“ aktiv waren, aufbrachen um Oppenhoff zu ermorden. Dass diese Aktion glückte und die Mörder mit milden Strafen davonkamen, oder sogar freigesprochen wurden, wird natürlich auch thematisiert.

Doch in erster funktioniert Das Aachener Experiment als erstaunlich spannend erzählter Abenteuercomic über einen minderjährigen Stoßtrupp. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Kreklow meist mit drei Panelstreifen pro Seite arbeitet und sich seine Geschichte ebenso rasant weglesen lässt, wie einst Hansrudi Wäschers Piccolohefte in der Nachkriegszeit.

Kreklows Zeichnungen ist anzumerken, dass sie unter großen Zeitdruck entstanden sind. Die Kolorierung reißt jedoch einiges raus. Dass er mehr kann beweist das Cover und die Abbildung eines Denkmals für den von den “Werwölfen“ ermordeten niederländischen Grenzschützer Jeu Saive auf der ersten Seite des Comics. Auf seine sehr eigenständige und etwas hektische Art gelang es Henry Kreklow, eine erschreckend aktuelle Historie in Erinnerung zu rufen.

Heiner Lünstedt

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Richard Corben: Den

Seinen ersten Aufritt hatte der glatzköpfige Fantasybarbar Den nicht auf der Comicbühne. Richard Corben arbeitete Ende der Sechziger in Kansas City in einem auf Werbe- und Lehrfilme spezialisierten Animationsstudio.

Die dortigen Kapazitäten nutzte er 1968 um nahezu Alleingang den fünfzehnminütigen Film Neverwhere zu realisieren, der hier auf YouTube zu finden ist. Die ersten vier Minuten erzählen als Realfilm, wie ein kleiner Angestellter, den Corbens damaliger Chef verkörperte, seinen Job kündigt und eine Maschine baut, die ein Portal zu einer anderen Welt öffnet. Angesichts des kaum vorhandenen Budgets verwundert, wie virtuos Corben die Verwandlung der eher schmächtigen Hauptdarstellers in einen animierten Muskelprotz realisiert hat.

Die animierten Sequenzen konfrontierten den Protagonisten mit zahlreichen Monstern und einer attraktiven Frau. Die Bewegungen der reduziert dargestellten Figuren wurden von Corben nahezu perfekt eingefangen, spielen sich jedoch vor kaum belebten zunächst ockerfarbenen, anschließend grünen und schließlich roten Hintergründen ab.

Neverwhere und seine kurz danach entstandenen ersten kurzen Underground- und Horror-Comics zeigten, was für ein großartiger Zeichner Richard Corben war. Doch seine Karriere nahm erst richtig Fahrt auf, als Farbe hinzukam. Dies geschah zunächst im Warren-Magazin Creepy, in  dem 1973 mit der auch von ihm getexteten Werwolf-Geschichte Lycanklutz ein knallbunter Corben-Comic zum Abdruck kam.

In seinem großartigen Sekundärbuch Horror im Comic, schreibt Alexander Braun dass die Kolorierung Corbens “Königsdisziplin“ war und erst “nach jahrelangen Experimenten und Verfeinerungen mit Hilfe einer Kopierkamera“ realistert werden konnte: “Das Verfahren war dermaßen komplex und zeitaufwendig, dass kein anderer Zeichner Corbens Technik später folgen wollte. Vorstellen muss man sich diese Art von Kolorierung wie ein Sandwich-System aus geschichteten Folien.“

Als 1974 in Frankreich das Magazin Metal Hulant gegründet wurde, war Richard Corben neben Moebius und Philippe Druillet als einziger US-Amerikaner von Anfang an dabei. Er veröffentlichte dort auch seinen ersten 100-seitigen Den-Comic und erfreute das Publikum mit der strahlend schimmernden Plastizität seiner von Violet dominierten Farbgebung.

Die Story von Den wurde für die Comicversion detaillierter ausgearbeitet. Die Hauptfigur heißt jetzt David Ellis Norman und sein verschollener Onkel Dan hat ihm den Bauplan für eine Art Transistorradio zukommen lassen. Dieses öffnet das Portal in die Welt von Nirgendwo. Dort ist David plötzlich der muskulöse Den. Neben zahlreichen Monstern trifft er die ebenfalls von der Erde stammende Kath, deren Körper durch das Portal ebenfalls optimiert wurde.

1977 erschien unter dem Titel Heavy Metal die US-Version von Metal Hurlant. Auch in diesem Comic-Magazin war Richard Corben von Anfang an dabei und in den ersten zwölf Ausgaben wurde Den als Fortsetzungsserie veröffentlicht.

Im 1981 entstandenen Kinofilm Heavy Metal war eine knapp fünfzehnminütige Zeichentrick-Version von Den enthalten. Regisseur der Episode war der Brite Jack Stokes, der bereits an Yellow Submarine beteiligt war und sich redlich aber vergeblich darum bemühte, Corbens spektakuläre Bilder auf die Leinwand zu zaubern.  In der Originalfassung wurde Den übrigens vom Komiker John Candy gesprochen.

Der rührige Splitter Verlag hat die erste Den-Story veröffentlicht und es ist zu hoffen, dass auch die schon lange vergriffenen Fortsetzungen recht bald als optimal aufgemachte Hardcover-Editionen erscheinen werden.

Heiner Lünstedt

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Mark Millar: The Ambassadors

Auch wenn sein Netflix-Deal bisher noch nicht allzu viele Früchte getragen hat, ist Mark Millar weiterhin ungebremst dabei, neue Comichelden zu konzipieren. Seine Ideen zur im März 2023 bei Image gestarteten Superheldenserie The Ambassadors gehören ganz gewiss nicht zu seinen schlechtesten.

Millar erzählt von der Koreanerin Choon-he Chung, die eine internationale Heldengruppe ins Leben ruft. Sie sucht dafür in allen Ländern uneigennützige Menschen, die als Ambassador, also Botschafter ihres jeweiligen Landes, Superkräfte und ein Kostüm in der entsprechenden Landesfarbe erhalten.

Dabei hapert es etwas mit der Diversität, denn auch nach großen Bemühungen konntekein “Alibi-Amerikaner“ gefunden werden. Jede in Frage kommende Kandidatin und jeder Kandidat, zieht bei seinen US-Landsleuten ebenso viel Sympathien wie Hass auf sich.

Großzügig ist Millar jedoch bei der Nominierung des britischen Superhelden. Genau wie Millar stammt dieser aus Schottland, wird jedoch in ein Union-Jack-Kostüm gezwängt, auch wenn er “mit Großbritannien nichts am Hut hat“.

Thematisch passend ist das Artwork von The Ambassadors international. In jedem der sechs Heften kommt mit dem Schotten Frank Quitely, den Kanadiern Karl Kerschl und Travis Charest, dem Franzosen Olivier Coipel, sowie den Italienern Matteo Buffagni und Matteo Scalera ein anderer Zeichner zum Einsatz.

In diesem Zusammenhang sei auch noch Mark Millars im Anschluss an die Ambassadors veröffentlichte Serie Big Game erwähnt. Hier lässt er die internationalen Botschafter zusammen mit altbekannten Helden wie Kick-Ass, Hit Girl, Gary „Eggsy“ Unwin, Huck, den Chrononauts, Magic Order oder dem Night Club gegen eine Bruderschaft der Superschurken antreten. Die vom Spanier Pepe Larraz in Szene gesetzte Geschichte geriet etwas unübersichtlich, ist jedoch unverzichtbar für alle Fans der Millarworld.

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HR Giger

Wer die Suchmaschinen mit den Begriffen TASCHEN und GIGER füttert, wird fette Beute machen. Der für seine ebenso aufwändig wie originell produzierten Bücher bekannte Verlag veröffentlich immer wieder neue Ausgaben mit den finsteren Werken von Hansruedi Giger, der durch sein Design des Monsters im Blockbuster Alien zum Weltstar wurde.

Doch jetzt erscheint als Monografie des 2014 verstorbenen Schweizers ein “Opus Magnus“, das dessen “düstere Psychedelik und eindringliche Kraft“ möglichst “umfassend“ zum Ausdruck bringen soll. Doch um eine große Leserschaft anzusprechen, stehen im Zentrum natürlich Gigers Beiträge zum großen Kino.

Selbst Gigers kaum verwendeten Entwürfen zu einer filmischen Gurke, wie der völlig verunglückten Fortsetzung von Tobe Hoopers Spielberg-Klassiker Poltergeist, wurden zwölf der 500 Seiten geopfert. Doch dies geht voll in Ordnung, denn die im Format 30 x 40 cm bestens reproduzierten, ganz schön verstörenden Acrylgemälde zeigen, dass sich Hollywood 1986 die Gelegenheit entgehen ließ, einen wirklich gruseligen Horrorfilm zu drehen.

Giger selbst gab später zu, dass er den Fehler gemacht hatte, nicht bei den Dreharbeiten dabei gewesen zu sein. Seine Erfahrungen bei Alien hatten ihm zuvor eigentlich klargemacht, dass “If you work on a film you have to be there all the time and be always looking at what they’re doing otherwise they’ll do what they want.“

In dieser Hinsicht ist Ridley Scotts erster Alien-Film tatsächlich Gigers einziger wirklich optimal umgesetzter Beitrag zum großen Kino und dies wird im Buch auf 50 Seiten gefeiert. Zum Abdruck kommen natürliche die 1976 entstandenen Necronom-Gemälde, deren vierte und fünfte Version Ridley Scott so werkgetreu wie möglich in seinem Film haben wollte, da sie auf eine einmalige Art “Schrecken und Schönheit“ vereinen.

Doch das Cover dieses gewaltigen Buchs, dass zudem noch Klapptafeln enthält, ziert kein Motiv mit Alien-Bezug, sondern ein 1974 entstandenes Gemälde. Dieses ist Gigers Lebensgefährtin Li Tobler gewidmet, die sich ein Jahr später das Leben nahm.

Das Buch dokumentiert nicht nur den Maler Giger. Zum Abdruck kommen auch dessen weiteren Werke, wie Skulpturen, Plattencover oder nicht allzu bequem aussehende Sitzmöbel. In Textbeiträgen, die in Deutsch, Englisch und Französisch zum Abdruck kommen, wird auch ein wenig hinter die Fassade des beständig Schwarz tragenden Künstlers geblickt. Mehr Giger ist kaum möglich.

JHeiner Lünstedt

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Joker: Folie à Deux

2019 drehte der zuvor eher durch Komödien wie Old School oder die Hangover-Trilogie bekannte Regisseur Todd Philipps einen Film über Batmans beliebtesten Widersacher. Doch Joker war meilenweit entfernt vom seinerzeit noch sehr erfolgreichen Superhelden-Kino.

Martin Scorsese war Koproduzent und als Inspiration dienten dessen Filme Taxi Driver und The King of Comedy. In brutalen und teilweise schwer zu Herzen gehenden Sequenzen erzählte Philipps wie der von Joaquin Phoenix mit großem Einsatz gespielte Arthur Fleck immer mehr den rationalen Bereich verlässt, Morde begeht und dafür von der Öffentlichkeit gefeiert wird.

Joker spielte über eine Milliarde Dollar ein und Phoenix bekam einen Oscar als bester Hauptdarsteller. In der Fortsetzung befindet sich Arthur Fleck zwei Jahre nach den Ereignissen des ersten Films im Arkham State Hospital und ihm soll der Prozess gemacht werden.

Todd Philipps liefert diesmal einen völlig anderen Film ab. Als gleichberechtigte Hauptdarstellerin ist Lady Gaga als Harleen „Lee“ Quinzel zu sehen. Doch auch ihre Interpretation dieses beliebten DC-Charakters ist mehr als ungewöhnlich. Sie spielt nicht die fröhliche Clownprinzessin Harley Quinn, sondern eine sich freiwillig in Arkham befindende Patientin, von der Arthur Fleck fasziniert ist. Durch Songs aus klassischen Hollywoodfilmen, wie The Band Wagon mit Fred Astaire, finden Arthur und Lee zueinander.

In Joker: Folie à Deux sind immer wieder großartige Interpretationen von Songs wie Bewitched, If My Friends Could See Me Now oder That’s Entertainment! zu hören. Sensationell ist ein Auftritt von Phoenix, der als Joker vor seinen Mithäftlingen mit kehliger Stimme eine finstere, zunächst gar nicht zu erkennende Version von For Once in My Life vorträgt, die Lichtjahre von dem entfernt ist, was zuvor Frank Sinatra oder Stevie Wonder aus dieser eher soften Nummer gemacht hatten.

Als eine Art Zugabe veröffentlichte Lady Gaga parallel zum Film das Album Harlequin, auf dem eigene jedoch eher fröhliche Versionen von ähnlichen Songs wie Good Moorning oder Smile, aber auch The Joker von Leslie Bricusse und Anthony Newley, zu hören sind.

Das Resultat ist eine Art finstere Variante von Damien Chazelles La La Land, dessen Finale es sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass es eine weitere Fortsetzung geben wird. Ohne den Erfolg von Joker wäre dieser ungewöhnliche Film niemals entstanden und es ist bewundernswert, dass Todd Philipps auf alle Erwartungen pfeift und sein sehr eigenes Ding durchzieht.

Heiner Lünstedt

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Naoki Urasawa: Hatschi!

Naoki Urasawa ist in erster Linie bekannt für epische Manga-Serien wie 20th Century Boys, Monster oder Billy Bat. Doch innerhalb seiner sich oft auf über tausend Seiten erstreckenden Spannungsbögen gibt es immer wieder Kapitel, die auf eigenen Füßen stehen und zugleich auch als pointierte Kurzgeschichte funktionieren.

In der Anthologie Hatschi! erfreut Urasawa seine Fans mit höchst unterschiedlichen Short Stories. Den Abschluss des ansonsten von hinten nach vorne zu verschlingenden Buchs bildet eine Story in entgegengesetzter, also westlicher, Leserichtung.

Solo Mission entstand 2016 zum 40. Jubiläum des französischen Verlags Les Humanoïdes associés, bei dem auch das Magazin Metal Hurlant erschienen ist. Die erste Seite dieser Geschichte kann als Hommage an den Comicmeister Moebius verstanden werden.

Doch auch ein sehr japanisch anmutender Superheld, der sich mühsam in seine Rüstung zwängt, kommt zum Einsatz. Die Hauptfiguren haben zwar spitze Ohren, sind aber Individuen, die unverkennbar von Urasawa zu Papier gebracht wurden.

In diesen acht Geschichten, die zwischen 1995 und 2018 entstanden sind, widmet sich der Mangaka den Dingen, die ihm am Herzen liegen: Musik, Mystery, gewaltige Monster im Godzilla-Style und auch eine durchgehend farbige Hommage an US-Cartoons wie Tom & Jerry ist dabei.

Heiner Lünstedt

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Klaus Barbie: Der “Schlächter von Lyon“

Das Vorwort zu diesem Buch stammt von Beate und Serge Klarsfeld, die “unlängst die Helden einer anderen Graphic Novel“ waren. Die Klarsfelds haben “Nazi-Schlächter und ihre französischen Komplizen unermüdlich verfolgt“, doch “keine Bücher über sie geschrieben“, denn “sie haben uns nie fasziniert.“

Tatsächlich besteht bei (Comic-) Biografien über Kriegsverbrecher, NS-Massenmörder und Folterer wie Josef Mengele oder Adolf Eichmann, die Gefahr, dass diese das falsche Publikum erreichen oder in die Nähe von pop-ikonischen Übeltätern wie Norman Bates oder Hannibal Lecter gerückt werden.

Zudem dürfte das Cover dieses Comics, das den gerade seine Handschuhe anziehenden Klaus Barbie in ordensgeschmückten und gutsitzender Naziuniform zeigt, auch Rechtsradikale ansprechen. Inhaltlich besteht die Gefahr, dass die Lebensgeschichte eines Mannes Faszination erwecken könnte, weil dieser sich immer wieder trickreich der Strafverfolgung entzogen hat und nach dem Krieg für die USA spionierte, sowie für den Bundesnachrichtendienst arbeitete.

Doch genau wie die Klarsfelds verfolgt auch die Graphic Novel das Ziel, nicht die Geschichte des Täters zu dokumentieren, sondern die „Opfer und die Umstände ihrer Ermordung.“ Die zweite Hälfte des Comics schildert dann auch sehr detailliert den Verlauf des dritten Prozesses gegen Klaus Barbie.

Dieser wurde in Bolivien wegen Steuerhinterziehung verhaftet, nach Frankreich ausgewiesen und 1987 in Lyon wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Für die Deportation von 842 Menschen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Vor Gericht sagten 149 Zeugen aus, die entsetzliche Dinge über Barbie erzählten, der mit großer Grausamkeit gegen Mitglieder der Resistance und selbst gegen jüdische Waisenkinder vorgegangen war. Dabei wurde er immer wieder auch persönlich handgreiflich und folterte Häftlinge.

Der Autor Frédéric Brrémaud dokumentiert in der Graphic Novel ausführlich die Aussagen von zahlreichem und mit Jean-Claude Bauer wurde der optimale Zeichner gefunden. Dieser war 1987 beim Barbie-Prozess in Lyon als Gerichtszeichner dabei und seine damaligen Skizzen dienten als Vorlage für den mitreißend in Szene gesetzten Comic.

Heiner Lünstedt

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Kleine Geschichten von großen Künstlern

Der Titel des Buchs klingt etwas kitschig und die Zeichnungen von Laurence Anholt wirken auf den ersten Blick etwas unbeholfen, vor allen da innerhalb seiner acht Bilderbuchgeschichten auch Meisterwerke von acht berühmten Malern zum Abdruck kommen.

Doch wer sich auf die Lektüre einlässt, wird reich belohnt. Anholts manchmal etwas konstruiert wirkende Erzählungen, in denen Kinder weltberühmte Künstler kennenlernen, basieren alle auf Begegnungen, die wirklich stattgefunden haben.

So hat Camille, der Sohn des Postmeisters Roulin in Arles tatsächlich Vincent Van Gogh kennengelernt. Nicht nur dessen Vater stand Van Gogh Modell, sondern auch Camille wurde von diesem auf mehreren Gemälden porträtiert. Diese Ereignisse nutzt Laurence Anholt dazu, die Geschichte des verkannten und verlachten Künstlers zu erzählen, der seiner Zeit weit voraus war.

Auch die kleine Mexikanerin Mariana Morillo Safa lernte eine Berühmtheit kennen und wurde von dieser auf einem Gemälde verewigt. Zuvor fertigte Frida Kahlo von Marianas Eltern, Geschwistern und von ihrer Großmutter kunstvolle Porträts an, die alle in diesem Buch zum Abdruck kommen. Zugleich bietet die Geschichte auch Einblick in das Schicksal Frida Kahlos die trotz Kinderlähmung und eines schweren Unfalls zur Künstlerikone Mexikos wurde.

Zusammen mit dem Mädchen Julie, ihrer Mutter, der Malerin Berthe Morisot und dem Windhund Louey lädt Laurence Anholt zu einer Eisenbahnfahrt von Paris zum “schönsten Garten der Welt“ ein. Inmitten von exotischen Pflanzen ist dort Claude Monet als Gärtner und Maler tätig. Er hat nicht nur einen Wassergarten angelegt, sondern arbeitet auch an einem riesigen Panoramagemälde mit Seerosen.

Ein Junge, der genau wie sein Vater Paul Cézanne heißt, besucht seinen eigenbrötlerischen alten Herren in der Bergwelt der Provence und erlebt, wie dessen Gemälde in Paris urplötzlich zu hohen Preisen verkauft werden. Den Zwillingen Meret und Bella erzählt ihr Großvater Marc Chagall sein von Höhen und Tiefen geprägtes Leben.

Die schüchterne Sylvette David lernte 1954 in Vallauris Pablo Picasso kennen und “das Mädchen mit dem Pferdeschwanz“ inspirierte den Künstler zu einer ganzen Reihe von Gemälden und Skulpturen. Eins dieser Werke überließ Picasso der jungen Frau und dessen Verkauf ermöglichte Sylvette eine Zukunft als Künstlerin.

Edgar Degas wird durch die Augen der jungen Marie van Goethem vorgestellt. Deren Hoffnung eine erfolgreiche Balletttänzerin zu werden, wurde nicht erfüllt. Doch sie diente Degas als Vorlage für einige seiner Gemälde und für die legendäre Skulptur Kleine vierzehnjährige Tänzerin, die der Künstler mit echten Haaren, einer Haarschleife aus Satin und einem echten Ballettkleid ausstattete.

In seiner letzten Bildgeschichte reist Laurence Anholt am weitesten zurück in die Vergangenheit. Anhand der Erlebnisse von Zoroaster da Peretola und Salai Giacomo, die vor 500 Jahren Assistenten von Leonardo Da Vinci waren, erzählt er sowohl von der Mona Lisa als auch von der ersten Flugmaschine.

Neben den Bildgeschichten enthält das schön aufgemachte Buch einfühlsam von Laurence Anholt verfasste “Autobiografien“ der acht vorgestellten Künstler, sowie zahlreiche Abbildungen von deren Gemälden und Werken. Kleine Geschichten von großen Künstlern ermöglicht Jung und Alt einen barrierefreien Zugang zur Kunstgeschichte.

Heiner Lünstedt

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Der kleine Perry 2: Im Reich der 42 Welten

Bei ihrer Reise durch den Hyperraum muss das Stardust-Aetron-Raumschiff auf dem Planetensystem Wega notlanden, denn alle Hyperkristalle sind ausgebrannt. Dieses Planetensystem besteht aus 42 Planeten und hunderten Monden.

Perry, seine Freundin Prinzessin Thora von Arkon und die vielen anderen Kinder-Crew-Mitglieder begegnen vielen anderen Bewohnern dieser Planten und werden in den Konflikt zwischen den Ferrolianern und den Topsiden hineingezogen.

Doch Perry versteht es mit Geduld und vorsichtiger Zurückhaltung zu klären, was der Grund dieser Feindschaft ist. Die Jugendversion des Science-Fiction-Charakters der allerersten Stunde, Konflikte schlau und friedlich zu lösen. Dies passt durchaus zum Grundtenor der seit 1961 wöchentlich erscheinenden Perry-Rhodan-Hefte.

Eine starke Botschaft, die immer aktuell ist und gerade in Zeiten wie diesen gehört werden sollte ist, dass das friedliche Miteinander aller Menschen, Außerirdischen und anderen Lebensformen immer besser ist, als das Lösen von Problemen mit Gewalt.

Der zweite Band kann nahtlos an das hohe Niveau des ersten Bandes Das Geheimnis des Wanderplaneten anknüpfen: Autor Olaf Brill und Zeichner Michael Vogt präsentieren eine spannende und schlüssige Coming-of-Age-Story für Klein und Groß, Alt und Jung, Ausgewogen, was die Verteilung von männlichen und weiblichen Charakteren angeht ist die Botschaft immer: „Respekt und Unvoreingenommenheit gegenüber jedermann und jederfrau.“

Liebenswert wie Der kleine Prinz ist auch Der kleine Perry. Für 2025 als Band 3 Der Meister der Roboter angekündigt.

Norbert Elbers

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Joker: The World

Drei Jahre nach Batman: The World haben wieder zahlreiche Kreativkräfte aus aller Welt eigene Versionen und Visionen einen populären DC-Charakters abgeliefert. Unter dem Motto “Der wahnsinnige Clown auf Weltreise“ steht diesmal der Joker im Zentrum der Comics und Panini feiert erneut den deutschen Beitrag mit einer exklusiven Premiumausgabe.

Nachdem 2021 die Batman-Story Rauhnacht (A Better Tomorrow) vonThomas von Kummant & Benjamin von Eckartsberg (Die Chronik der Unsterblichen, Gung Ho) hierzulande besonders gefeiert wurde, hatte diesmal Ingo Römling die Ehre einen DC-Comic zu zeichnen und ein Variantcover zu gestalten. Doch noch stärker hervorgehoben wird diesmal der Comedian Torsten Sträter.

Der bekennende Batman-Fan hatte bereits im Animationsfilm DC League Of Super-Pets den Dunklen Ritter gesprochen und er schrieb für Römling die Story Das ist kein Jazz. Hierin verschlägt es den Joker und seine Bande nach Deutschland. Sie freuen sich darüber, dass es kein Tempolimit gibt und landen schließlich im Heavy Metal Town Wacken.

Zum Ärger des Jokers ist die dort gespielte ohrenbetäubende Musik – wie der Titel bereits verrät – garantiert kein Jazz. Auch die Besucher des Festivals, zu denen auch Torsten Sträter gehört, unverkennbar ganz in schwarz mit Beanie-Mütze, sind nicht nach dem Geschmack des Clownprinzen: “Zu viele Verrückte!“

Sträters Story ist nicht mehr aber auch nicht weniger als ein guter Vorwand, damit Ingo Römling seine beachtliche Zeichenkunst demonstrieren kann. Im Anhang des Bandes befinden sich noch weitere beeindruckende Kostproben davon.

Die Softcover-Ausgabe ziert jedoch ein Titelbild vom US-Zeichner Jason Fabok. Dieser eröffnet den internationalen Anthologie-Reigen mit der von seinem Landsmann Geoff Jones, mit dem er bereits bei Batman: Die drei Joker zusammenarbeitete, geschriebenen Story Der Epilog ist der Prolog. Auch diese kann eher optisch als inhaltlich überzeugen.

Die restlichen zehn Geschichten (zwei weniger als in Batman: The World stammen aus Spanien, Italien, Brasilien, Mexiko, Tschechien, Türkei, Südkorea, Argentinien, Kamerun und Polen. Hier erschließt sich der Sinn der Stories häufig nicht auf Anhieb, denn es geht fast immer um nationale Eigenarten. Sorry, aber ein echtes Highlight habe ich diesmal leider nicht entdeckt.

Heiner Lünstedt

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