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Madeleine, die Widerständige

Die Französin Madeleine Riffaud war während des Zweiten Weltkriegs maßgeblich am Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt. Die heute 94-jährige Journalistin und Dichterin war zunächst nicht sonderlich begeistert, als der Autor Jean David Morvan (Spirou in Tokyo, Zyklotrop) sie anrief und ihr mitteilte, dass er gerne einen Comic über sie machen würde.

Madame Riffaud war der Meinung, dass Comics nur etwas für Kinder wären, bat sich aber dennoch Bedenkzeit aus und Morvan um einen Rückruf “aber nicht vor 18 Uhr“ schließlich ist sie keine Frühaufsteherin. Als Morvan ohne viel Hoffnung erneut anrief, hatte sich Madeleine Riffaud etwas umgehört. Sie war nun der Meinung, dass sich durch einen Comic auch junge Leser für ihre Lebensgeschichte interessieren könnten.

Gemeinsam mit dem Zeichner Dominique Bertail (Paris 2119) formierten sich Morvan und Riffaud zu einer Komplizenschaft. Das Trio setzte alles dran, um so wahrheitsgetreu wie möglich von der jungen Madeleine zu erzählen, die unter dem Decknamen “Rainer“ (basierend auf den ersten Vornamen ihres Lieblingsdichter Rilke) Mitglied der Résistance wurde und in die Fänge der Gestapo geriet.

In detailreich in Szene gesetzten Bildern, denen die einzige Schmuckfarbe Blau eine eisige Atmosphäre verleiht, schildert der Comic, wie Madeleine Riffaud auf der Flucht vor den deutschen Besatzern zusammen mit weiteren unbewaffneten Franzosen von Stukas beschossen wird und wie sie – als sie  für ihren hüftkranken Großvater beim Roten Kreuz eine Trage organisieren wollte- von einem deutschen Offizier einen Tritt in den Hintern erhielt.

Doch es waren nicht nur die Besatzer, die ihr Übles antaten. Das finsterste Kapitel dieses Comics erzählt davon, wie die erkrankte Madeleine allein per Zug zu einem Sanatorium reist , Der Sohn einer Nachbarin nimmt sie am Bahnhof in Empfang, geht fein mit ihr essen und vergewaltig das minderjährige Mädchen anschließend brutal.

Am nächsten Morgen muss Madeleine erfahren, dass der junge Mann zudem auch noch im Dienste einer für die Besatzer tätigen paramilitärischen Organisation steht. In der Rückschau meint Riffaud zu der Vergewaltigung; “Ich war so traumatisiert, dass ich über 50 Jahre nicht darüber sprechen konnte und meine späteren Liebhaber bekamen die Folgen zu spüren.“

Morvan und Bertail geling es, das Leid aber auch den Mut von Madeleine so nachfühlbar einzufangen, dass die beiden weiteren Bände dieser Lebensgeschichte ebenfalls Pflichtlektüre für politisch interessierte Leser sind.

Heiner Lünstedt

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Alan Moore: Abschied von Swamp Thing

Bei Alan Moores Swamp Thing handelt es sich um die erste US-Veröffentlichung des britischen Starautors und die von ihm geschriebenen Hefte wurden bei uns bereits zweimal veröffentlicht. Doch weder bei Carlsen noch bei Panini sind seinerzeit alle von Moore getexteten Hefte mit dem Ding aus dem Sumpf erschienen. Erst beim zweiten Versuch hat es Panini mit einer dreibändigen DeLuxe-Gesamtausgabe endlich geschafft und das Warten hat sich gelohnt.

Dem neuen Koloristen Steve Oliff standen im Gegensatz zu Tatjana Wood, von der die ursprüngliche Farbgebung stammt, statt 64 etliche Millionen verschiedene Farbtöne zur Verfügung, wodurch die Zeichnungen von Stephen R. Bissette, Rick Veitch und John Totleben im neuen Glanz erstrahlen.

Dieser dritte Band der Gesamtausgabe enthält als deutsche Erstausgabe die letzten Swamp-Thing-Hefte von Alan Moore. Der Auftakt ist hochemotional und der Autor schmuggelt einmal mehr Thematiken in die US-Serie ein, die in einem sich scheinbar hauptsächlich an junge Leser richtenden Comicheften nicht zu erwarten waren.

In schwer zu Herzen gehenden Geschichten hat Moore davon erzählt, wie sich Swamp Thing und die weißhaarige Abigail Arcane immer näherkommen. Doch Abigail wird von den Behörden “Unzucht mit Gemüse“ vorgeworfen und sie flüchtet aus dem ländlichen Louisiana in die Großstadt Gotham.

Doch dort landet sie im Knast und Swamp Thing muss erst ganz Gotham in eine Grünanlage verwandeln, bevor er seine geliebte Abigail wieder in seine Äste und Zweige schließen kann. Diese Storyline, in der sich Batman überraschenderweise als Fürsprecher des Pfanzenwesens engagiert, gehört zu Alan Moores beeindruckendsten Swamp-Thing-Geschichten.

Seine restlichen Hefte erzählen von einer galaktischen Odyssee und hinterlassen einen eher wirren Eindruck. In Swamp Thing # 64 im September 1985 beendet Alan Moore dann mit einer wirklich wunderschönen Geschichte seine erste US-Serie und nahezu zeitgleich erschien auch das letzte Heft seinen Megaerfolges Watchmen.

Rick Veitchs von DC abgelehntes Cover für Swamp Thing # 88

Danach erschienen vierundzwanzig weitere Ausgaben, in den Texte und Zeichnungen von Rick Veitch stammen. Als dieser auch im Underground tätige Zeichner in Swamp Thing # 88 Jesus Christus als Comicfigur auftreten ließ, lehnte es DC ab, das Heft zu veröffentlichen. Andere Autoren wie Grant Morrison übernahmen die Serie. Das letzte Heft schrieb Mark Millar und 1996 wurde die zweite Swamp-Thing– Serie mit Heft 171 eingestellt.

Heiner Lünstedt

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Marvel Comics Library – Fantastic Four

Es ist schon erstaunlich, was da Ende 1961 für ein Comicheft an die US-Zeitungskioske geliefert wurde. Das Cover zeigte die vier Titelhelden im Einsatz gegen ein grünes Riesenwesen, das sich durch die Asphaltdecke einer New Yorker Straße gebohrt hatte.

Erzählt wurde davon, wie es Dr. Reed Richards gelungen ist, mit eine qualmenden Signalpistole von einem Hochhaus aus The Fantastic Four mit drei riesigen Lettern in den Himmel zu schreiben. Prompt wird Susan Storm unsichtbar, Ben Grimm kommt als orangenes Steinwesen unter seinem Mantel hervor und Susans Bruder Johnny fackelt auch nicht lange.

Als sich die fantastischen Vier nach acht Comicseiten endlich formiert haben, gibt es erst einmal eine Rückblende. Diese erzählt davon, wie das quirlige Quartett wagemutig in eine Rakete stürmt und sich ins All befördern lässt, bevor “die Russen die ersten“ sind. Doch tückische kosmische Strahlung verwandelt die Truppe quasi in Feuer, Luft, Erde und – naja – Wasser, man bedenke die fließenden Bewegungen von Reed Richards als elastischer Mr. Fantastic.

Nachdem nun also die Entstehungsgeschichte klargestellt wurde, geht es mit vereinten Kräften gegen ein riesiges aus der Tiefe kommendes Monstrum, das Moleman – bei dem es, wie wir später erfahren, um den frustrierten Nukleartechniker Harvey Rupert Elder handelt – zusammen mit weiteren Ungetümen auf die Menschheit gehetzt hat…

Die Story dieser Wundertüte von einem Comic hat Stan Lee mit einer immer noch völlig geklärten Methode dem Zeichner Jack Kirby übermittelt und diesen dadurch zu fünfundzwanzig ebenso wild wie wuchtig in Szene gesetzte Comicseiten angestiftet. Fortan war nicht mehr DC mit Superman und Batman der Platzhirsch in der Superhelden-Wildnis, sondern Kirby und Lee produzierten in dichter Folge weitere Knaller wie den Hulk, Thor, den Silver Surver oder die X-Men.

Nachdem Taschen bereits die ersten Comicauftritte von Spider-Man und den Avengers mit überformatigen Büchern abgefeiert hat, folgt jetzt eine nah an den Originalheften orientierte Veröffentlichung jener Comics, die das Fundament von Marvel bilden. Ein 700-seitiger Band enthält Reproduktionen von sehr gut erhaltenen Exemplaren der ersten zwanzig Fantastic-Four-Ausgaben. Dabei wurde wieder alles drangesetzt, um die Rasterpunkte der alten Farbgebung originalgetreu wiederzugeben.

Dieses Bestreben ging sogar so weit, dass für den Abdruck der Titelbilder und Backcover Hochglanzpapier und für die Innenseiten Offsetpapier mit matter Oberfläche verwendet wurde. Die Comics, inklusive der ebenfalls recht amüsanten Leserbriefseiten und Werbeanzeigen, kommen in englischer Sprache im Format von 28 x 39,5 cm zum Abdruck, also doppelt so groß wie einst die Originale.

Deutscher Reprint von 1999

Beim Betrachten dieser Seiten wird klar, wie nachlässig diese Comic-Meilensteine bisher in Neuauflagen präsentiert wurden. So ist auf dem Cover eines bei uns 1999 von Marvel Deutschland herausgegebenen Reprints von Fantastic Four # 1 der Schriftzug des Titels schwarz statt knallrot, ein Polizist wurde einfach weggelassen und die neue Farbgebung ist im Vergleich zum Original eine Frechheit. Erst diese liebevoll aufgemachte Edition ermöglicht es, nachzuvollziehen, warum es ohne diese knallbunten Seiten kein Marvel Cinematic Universe gegeben hätte.

Heiner Lünstedt

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Garth Ennis: Punisher Collection 1

Es ist immer noch großartig, was das Dreamteam Garth Ennis und Steve Dillon nach dem Abschluss ihrer Vertigo-Erfolgsserie Preacher mit Marvels Punisher anstellte. Die 2001 gestartete aus zwölf Heften bestehende Mini-Serie Welcome Back, Frank hat nichts von ihrem ruppigen Charme eingebüßt und den drei Jahre später entstandenen Kinofilm mit Thomas Jane maßgeblich beeinflusst.

Nach einigen Comicserien, die seltsame Dinge mit dem Punisher anstellten, war Frank Castle bei Ennis wieder der gnadenlose Rächer. Der Punisher kehrt nach New York zurück und legt sich mit diversen Gangsterbanden an. Dadurch verliert die Patin Ma Gnucci nicht nur etliche Mitarbeiter, sondern – bei einem Zoobesuch mit Frank – auch noch sämtliche Gliedmaßen.

Garth Ennis versammelt rund um den Punisher ein unvergessliches Ensemble. Für tragikomische Einlagen sorgen der glücklose Detective Soap, sowie Frank Castles ebenfalls nicht gerade vom Glück verfolgte Nachbarn Joan the Mouse, Mr. Bumpo und Spacker Dave. Fast schon Slapstick-Action bieten die Kämpfe mit dem Russen, einen massigen Auftragskiller, wobei der Punisher den ohnmächtigen Spider-Man als Schutzschild einsetzt.

Ennis, der mit britischen Kriegscomics großgeworden ist und mit seinen War Stories auch im selben Genre arbeitete, mag Superhelden nicht sonderlich. Daher war er der richtige Mann, um 1995 den Comic Punisher kills the Marvel Universe schrieb, der den Abschluss dieses großartigen Sammelbands bildet.

Es ist erfreulich, dass Panini seine Leser mit einer optimal aufgemachten Gesamtausgabe aller von Ennis geschriebenen Punisher-Comics erfreut. Zwei Kritikpunkte seien aber angemerkt. In der deutschen Ausgabe fehlt neben etlichen Seiten des Bonusmaterials, auch die in der US-Edition enthaltene Story Double Shot, die von Joe Quesada gezeichnet wurde.

Obwohl der deutsche Band von 1136 auf 1092 Seiten abgespeckt wurde, benötigt das Teil einen fast zwei cm breiteren Stellplatz in meinem Bücherregal, das ja auch noch die weiteren Ausgaben dieser sehr empfehlenswerten Edition beherbergen soll.

Heiner Lünstedt

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Benni Bärenstark – Gesamtausgabe 2

Neben den immer noch omnipräsenten Schlümpfen und den mittelalterlichen Abenteuern von Johann und Pfiffikus gehört auch Benni Bärenstark zu den liebenswerten Comicschöpfungen von Pierre Culliford alias Peyo. Daher ist es großartig, dass Peyos deutscher Verlag toonfish eine Gesamtausgabe mit den Erlebnissen des bärenstarken kleinen Jungen veröffentlicht.

Band 2 enthält wieder drei Alben und beginnt gleich mit einem Highlight der Serie. Abenteuer mit Onkel Hubert wurde 1968 von Februar bis August im Magazin Spirou veröffentlicht und erschien ein Jahr später als Album. Erzählt wird, wie Benni ein paar sorglose Urlaubstage bei seinem Onkel verbringen möchte, doch plötzlich mittenhinein in ein turbulentes Abenteuer gerät.

Onkel Hubert arbeitet für die Regierung als G.O.R.I.L.L.A. (= „Gefahrschutz-Offizier in Risikoreichen Internationalen Leib-und-Leben-Angelegenheiten“) und soll den Finanzminister von Dünkelstein beim Transport von Druckplatten für Geldnoten eskortieren. Doch finstere Gestalten würden gerne ihr eigenes Geld drucken.

Besonders gefährlich ist eine gewisse Gisela, die sich als Putzfrau tarnt und über einen auch als Fluggerät tauglichen Staubsauger verfügt. François Walthéry, der alle drei in diesem Sammelband enthaltenen Abenteuer zeichnete, startete zeitgleich seine Serie Natascha und Gisela hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Stewardess.

Abenteuer mit Onkel Hubert ist eine perfekte Mischung aus Action und Humor. Als Running Gag versucht Benni seinen Onkel immer wieder vergeblich davon zu überzeugen, dass er Superkräfte hat. Das Album unterhält immer noch bestens über die volle Länge von 64 Seiten, was bei den beiden nächsten Comics leider nur noch bedingt der Fall ist.

Circus Bodoni fängt sehr liebenswert und äußerst vielversprechend an. Erzählt wird von einem kleinen Wanderzirkus, der große Probleme damit hat, sich gegen die Konkurrenz des Fernsehens zu behaupten. Benni versucht zunächst seine Freunde davon zu überzeugen, den Zirkus zu besuchen. Als das nicht klappt, stellt er sich selbst als Attraktion zur Verfügung…

Die 1969 von Peyo und Gos alias Roland Goossens geschriebene Geschichte will nicht so recht zur bisherigen Ausrichtung der Serie passen, die ihren Reiz daraus bezog, dass niemand mitbekommt, wenn der kleine Benni seine Heldentaten verrichtet. Ähnlich sieht es auch bei beim nächsten Album Lady Alberta aus, in der es innerhalb einer unübersichtlichen Krimihandlung zu einer Wiederbegegnung mit der Roboter-Lady Madame Albertine kommt.

Für den zweiten Band der Gesamtausgabe spricht, dass es in der ausführlichen und reich bebilderten Einführung von Patrick Gaumer auch angesprochen wird, wenn ein Album einmal nicht so gut gelungen ist.

Heiner Lünstedt

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Mark Millar: King of Spies

Mit seiner erfolgreich verfilmten Serie Kingsman präsentierte Mark Millar bereits eine originelle James-Bond-Variante. In King of Spies erzählt der schottische Autor davon, wie es ein britischer Topagent bei seiner letzten Mission so richtig krachen lässt.

Das in nur vier Comicheften erzählte Resultat lässt Daniel Craigs Abgang als James Bond in Keine Zeit zu sterben ganz schön alt aussehen und und zeigt, wie ein wirklich origineller 007-Film in Szene gesetzt werden könnte.

Geschickt mit verschiedenen Zeitebenen jonglierend, stellt uns Millar mit Roland King den besten Geheimagenten ihrer Majestät vor. Dieser hat in den letzten Jahrzehnten weltweit ohne große Skrupel Menschen umgebracht, die der Elite seines Heimatlandes im Weg standen.

Als der 65-jährige King erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, setzt er alles dran, um die ihm verbleibende Lebenszeit optimal zu nutzen. Systematisch bringt er alle jene Übeltäter um, die er zuvor nicht anrühren durfte. Dabei macht er weder Halt vor Präsidenten, Filmproduzenten, noch vor einem ehemaligen Heiligen Vater, der glaubte, weil er “diesen netten neuen Papst einsetzten“ ließ, dem Kreuzfeuer entkommen zu sein…

In einem der zahlreichen großartigen Momente dieses Comics lässt Roland King den von ihm entführten Ex-Papst in einem finsteren Wald mit einer wütenden Menge von Menschen alleine, die von Priestern missbraucht wurden und gibt ihm zum Abschied den Rat: “Vielleicht reicht eine Beichte.“

Auch zeichnerisch ist King of Spies sensationell gut ausgefallen. Matteo Scalera arbeitete mit Miller bereits beim Science-Fiction-Comic Space Bandits zusammen. Doch mit seiner Inszenierung dieses Wechselbads aus wahnwitziger Action und sensibler Momente liefert der Italiener das Comic-Gegenstück zu einem James-Bond-Film, wie es ihn seit Skyfall nicht mehr gegeben hat!

Heiner Lünstedt

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Darwyn Cooke: Parker – Martini Edition 2

Der 2016 verstorbene kanadische Comickünstler Darwyn Cooke hat mit Batman: Ego, DC: New Frontier, Catwoman: Selinas großer Coup, Watchmen: Minute Men und seiner Neuinterpretation von Will Eisners The Spirit breite Spuren im US-Mainstream hinterlassen. Doch den größten persönlichen Einsatz zeigte er bei einer Serie, in der keine Superhelden auftreten.

Cooke gelang es den Autor Donald Westlake alias Richard Stark davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, dessen Parker-Romane in Comicform zu adaptieren. Parker ist ein sehr viel skrupelloser Charakter als Hardboiled-Detektives wie Sam Spade oder Philipp Marlowe.

Sein Lebensinhalt besteht darin, zusammen mit einem Team aus Gleichgesinnten Raubüberfälle zu planen und durchzuziehen. Dabei geht natürlich immer wieder etwas schief und Parker muss sich nicht nur mit den Gesetzeshütern, sondern auch seinen Komplizen herumschlagen.

Parker, bei dessen Gesicht es sich laut Richard Stark um einen “ein Brocken Beton mit Augen aus staubigem Onyx“ handelt, ist weit von einem Moralisten entfernt, doch sehr viel weniger verroht als die meisten Menschen, mit denen er zu tun hat. Nicht immer erfolgreich versucht Parker zu vermeiden, dass bei seinen Aktionen Menschen zu Schaden kommen.

In reduzierten und durchgestylten Bildern gelangen Darwyn Cooke großartige Adaptionen der Bücher von Richard Stark. Pro Geschichte wählte er nur eine Schmuckfarbe aus und setzte manchmal auch nur ausgewählte Kapitel der Parker-Romane als Comic in Szene.

Mit der Martini Edition liegen jetzt alle Parker-Comics in zwei schönen Bänden vor. Seine letzte Parker-Adaption Ich bin die dritte Leiche links spielt in einem im Winter geschlossenen Vergnügungspark und inspirierte Cooke zu großartigen graublauen Impressionen, die auch die Kälte der Protagonisten zum Ausdruck bringen. Cooke konnte diese Story nicht mehr vollenden und Sean Phillips sprang bei der Kolorierung ein und steuerte zu diesem Band auch noch einen kurzen von Ed Brubaker (Gotham Central) geschriebenen Hommage-Comic bei.

Abgerundet wird dieser Prachtband durch Skizzen, Illustrationen und die Niederschrift eines Gesprächs über Darwyn Cooke. Hier kommt auch ausführlich Bruce Timm (Batman: The Animated Series) zu Wort, der Cooke aus seiner Zeit als Mitarbeiter bei diversen DC-Trickfilmen kennt. Bei aller Bewunderung wird hier deutlich, dass der Umgang mit Cooke nicht immer einfach war und er sich am wohlsten bei Projekten wie Parker fühlte, die er komplett nach seinen eigenen Vorstellungen realisieren konnte.

Heiner Lünstedt

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Kaspar Hauser: Im Auge des Sturms

1828 tauchte in Nürnberg aus heiterem Himmel ein circa 16-jähriger Junge auf. Kaspar Hauser schien geistig zurückgeblieben zu sein und konnte kaum reden. Später war vom Findeljüngling zu erfahren, dass er – seitdem er denken konnte – angeblich bei Wasser und Brot eingesperrt war. Das kurze Leben von Hauser endete 1833, wobei unklar blieb, ob es sich um ein Attentat oder um Selbstmord handelte.

Es gibt auch die Theorie, dass es sich bei Hauser um einen Prinzen handelte, der als angeblich verstorbenes Kleinkind weggesperrt wurde, um zu verhindern, dass er sein adeliges Erbe antreten konnte. Doch der flämische Comicautor Verhast alias Stijn Verhaeghe zeigt nur wenig Interesse daran, das Kaspar-Mysterium zu entwirren.

Stattdessen versucht er in seiner Geschichte darzustellen, was es bedeutet etliche Jahre völlig isoliert zu leben und plötzlich wieder unter Menschen zu sein. Außerdem hat Verhast sich noch die steile These zurechtgebastelt, dass Kaspar Hauser möglicherweise den Philosophen Ludwig Feuerbach zu seinen humanwissenschaftlichen Theorien inspiriert hat, da dessen Vater Anselm zeitweilig Vormund des Findelkinds war.

Das ist eine Menge Holz, dennoch gelang ein unterhaltsamer Comic, der zum Nachdenken anregt. Die aus meist recht großformatigen Panels von Bart Proost wirken auf den ersten Blick etwas grob, doch die mit Aquarellfarben ausgeführte Kolorierung durch Chriva alias Chris van Brussel sorgt für einen stimmigen Gesamteindruck.

Der Aachener Verlag StainlessArt, der sich ansonsten auf die Herausgabe der flämischen Traditionsserie Jommecke von Jeff Nys konzentriert, hat eine schöne Hardcover-Edition von Kaspar Hauser: Im Auftrag des Sturms veröffentlicht. Ein interessanter Anhang belegt, wie intensiv sich das belgische Trio mit dem mysteriösen Findling beschäftigt hat.

Heiner Lünstedt

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Corto Maltese: Nacht in Berlin

Für ihr – nach  nach Unter der Mitternachtssonne, Äquatoria und und Tarowean: Tag der Überraschungen – viertes Abenteuer mit Hugo Pratts legendären Abenteurer Corto Maltese hat das spanische Kreativduo Juan Diaz Canales und Rubén Pellejero wieder sehr interessante Schauplätze ausgewählt. So spielt die erste Hälfe des Comics im Berlin des Jahres 1924 und gleich auf der ersten Seite tritt Adolf Hitler auf.

Doch es handelt sich nicht um den seinerzeit im Gefängnis sitzenden Führer der NSDAP, sondern um einen Schauspieler. Auch dieser sitzt, allerdings zur Belustigung der teilweise den rechten Arm hebenden Zuschauer auf der Bühne eines Nachtclubs, in dem sich Corto Maltese mit Joseph Roth trifft.

Der 1939 verstorbenen Autor von Radetzkymarsch und Das Spinnennetz hat auch das Vorwort zu diesem Comic geschrieben. Dieses beendet Juan Diaz Canales mit diesen schönen Sätzen “Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der wir aus dem Strandgut jenes Tsunami ein neues Schiff zimmern. Ein friedliches Europa. Man wird ja noch träumen dürfen… Aus einer solchen Phantasie heraus bin ich nun eın fiktiver Begleiter für Corto Maltese und für euch, liebe Leser.“

Auch diesmal treten einige historische Figuren im Comic auf. Vor dem faszinierend schillernd wiedergegebenen Berlin der Weimarer Republik trifft Corto auf den Reichspräsidenten Friedrich Ebert oder den Boxer Max Schmeling treffen und wird mit den Terroristen der Organisation Consul konfrontiert.

Das seinerzeit von den immer noch wild impressionistischen Produktionen aus Babelsberg dominierte Kino spielt ebenfalls eine große Rolle. Da die UFA damals große Erfolge mit ihren Golem-Filmen feierte, endet der Comic auch in Prag, der Heimatstadt des Lehmriesens.

Canales gelang einmal mehr eine etwas wirre Geschichte voller großartiger Momente. Schreiber & Leser hat Nacht in Berlin dankenswerterweise auch als schwarzweiße Klassik-Edition veröffentlicht, doch da Pellejero den Comic diesmal besonders wild entfesselt koloriert hat, empfehle ich die farbige Ausgabe.

Heiner Lünstedt

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Timur Vermes: Comicverführer

Nachdem sein Roman Er ist wieder da zu einem Weltbestseller wurde, bekam der bereits zuvor als Journalist tätige Timur Vermes 2016 das Angebot Comicrezensionen auf Spiegel Online zu veröffentlichen. Diese Texte, die hier zu finden sind, gehören zum Intelligentesten und Kurzweiligsten, was im deutschsprachigen Raum zum Thema Comics geschrieben wurde.

Leider beendet Spiegel Online die Zusammenarbeit mit Vermes weitestgehend. Das ist sehr schade und umso erfreulicher ist, dass dieser ein inhaltlich aber auch optisch großartiges Buch über sein Lieblingsthema geschrieben hat. Genau wie seine Spiegel-Texte richtet dieses sich ausdrücklich nicht an Experten, sondern Vermes strebt an, aus seinen Lesern Comicfans zu machen.

Um Hemmschwellen abzubauen, bekennt er im Vorwort, dass sein Geschmack “nicht außergewöhnlich“ sondern “näher an Pommes und Bratkartoffeln als an der Molekularküche“ ist. Als nahezu lebenslanger Comicleser beschreibt der 1967 in Nürnberg geborene Autor sehr plastisch jene Zeit der Pubertät, als bei ihm “auf einmal Schluss mit lustig“ war, weil Mädchen wichtiger wurden als Comics. Wer noch heute als Erwachsener denkt: “Tja, aus dem Alter für Comics bin ich raus“, dem liefert Vermes mit seinem Buch schlüssige Thesen dafür, dass jetzt die “Zeit für andere Comics“ ist.

In 36 originell aufgebauten Kapiteln empfiehlt er Comics, die dabei helfen das Medium neu- oder wiederzuentdecken. Dabei greift er natürlich auch auf seine Spiegel-Texte zurück, denn selbst nach einigen Jahren ist er immer noch der Meinung ist, dass die gefällig in Szene gesetzten Comicreportagen von Sarah Glidden (Israel verstehen) den mit sehr viel weniger Rücksicht auf den Leser erzählten Berichten aus Krisengebieten von Joe Sacco (Palästina) deutlich unterlegen sind. Doch Vermes grast nicht nur Genres wie Western, Funny, Sex oder Literaturadaption und auch ein wenig die Mangas ab, sondern gibt angehenden Lesern auch Lebenshilfe.

Es ist zu erfahren, wie blitzschnell das Comiclesen erlernt werden kann, wie Comics preiswerter zu erwerben sind, was nach Meinung des Autors von Graphic Novels zu halten ist und warum Werke wie Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters, Maus, Ein Vertrag mit Gott oder Watchmen immer wieder neu entdeckt werden können und sollten. Zusätzlich gibt es als als sogenannte Outtakes pointiert formulierte Kurzrezis, die auch schon einmal vor zu Unrecht in den Himmel gelobten Werken warnen.

Das Ganze ist zudem auch noch so großartig layoutet und bebildert, dass sich der Vergleich zum genialen Bart-und-Scheitel-Cover von Er ist wieder da förmlich aufdrängt. Es bleibt nur noch zu sagen: Absolute Leseempfehlung!

Heiner Lünstedt

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