Laudatio auf Gerhard Seyfried

von Dirk Wagner

Es ist mir tatsächlich eine ganz besondere Freude, hier die Lobrede auf das Lebenswerk von Gerhard Seyfried halten zu dürfen. Zumal sein Lebenswerk ein Stück auch mein Lebenswerk  geprägt hat. Nicht so sehr mit den sorgsam recherchierten Romanen des Schriftstellers Seyfried.

PENG! – Der Münchner Comicpreis

Nein, ich sehe mich geprägt von den zum Teil sehr wuselig, zum Teil aber auch mit sehr klarer Linie gezeichneten Comics von Gerhard Seyfried. Jenen Comics, die mir als kleinen Schüler lehrten, das woanders die Schultüten deutlich kleiner sind als in meiner Heimat, dafür aber auch geraucht werden. Von cool aussehenden Gestalten mit herrlich ungekämmten Haaren, die auf die Warnung, dass Kiffen laut einer Untersuchung „gleichgültig“ machen soll, nur antworteten; „Na und?“ „Mir doch egal“ Mehr Worte brauchen Seyfrieds Comics oft nicht, um Pointen zu zünden. Wobei die witzigeren Worte oft gar nicht so sehr in den sparsamen Sprechblasen zu finden sind, als vielmehr als Teil des Bildes im selben fast schon versteckt. Wenn zum Beispiel im Schlangenhaus eines Zoos ein Schild auf die nächste Abteilung „Luftschlangen“ verweist. Und wie eine gelungene Reportage, die vom kleinen Detail ausgehend den Blickwinkel vergrößert, um bald schon auf das große Ganze zu schwenken, begleiten wir auch in diesem Comic Seyfrieds Comic-Figur Zwille vom Schlangenhaus, wo ein kleiner Junge in einem „Snake man“-T-Shirt gekleidet eine Schlange bewundert, vorbei an immer größer werdende Menschenschlangen vor dem Zooeingang, der Post, dem Supermarkt in Ost-Berlin, bis hin zur größten Menschenschlange vor dem Arbeitsamt… ach nee, vor dem Arbeitsamt stehen ja keine Arbeitsuchenden mehr Schlange, weil diese in Seyfrieds Comic längst schon von Nazis umgeleitet wurde.

Ein böser, politischer Humor, der vor allem dadurch gewinnt, indem Seyfried, um es mit dem Humorbegriff des Philosophen Martin Seel auszudrücken: „die eigene Position zur Disposition stellt“. Ich hoffe, ich konnte an dieser Stelle mit angelesener Bildung beeindrucken. Zumal ich dergleichen nicht in der Schule gelernt habe. Seyfried übrigens auch nicht, was allerdings daran lag, dass er wiederholt von der Schule geschmissen wurde. In einem Fall übrigens auch wegen einer Zeichnung. Sie war weiblich und verführerisch anzusehen. Also nicht die Zeichnung, sondern die gezeichnete. Auf die Münchner Akademie für das Graphische Gewerbe kam Seyfried allerdings auch ohne Abitur; wegen besonderer Begabung nämlich. Vier Semester später, also bereits 1969, flog er allerdings wieder von der Akademie, diesmal wegen mangelnder Begabung. Wobei man da wohl nicht zugeben wollte, dass Seyfried wegen seines politischen Engagements gegen die von der Regierung damals geplanten Notstandsgesetze gefeuert wurde. Die Notstandsgesetze, so ahnte Seyfried, würden im Krisenfall die Grundrechte mal ebenso aushebeln. Gut, so n bisschen versuchte man das in seinem Fall auch ohne Notstandsgesetze. Als Seyfried nämlich mit anderen kreativen Köpfen Münchens das erste deutsche Stadtmagazin herausbrachte, die Zeitschrift „Das Blatt“, in welchem Seyfried vor allem die Lücken eines etwas unbeholfenen Layouts mit Zeichnungen auffüllte, zählte die hiesige Staatsanwaltschaft nicht nur zu den eifrigsten Lesern. Nein, sie suchte auch immer wieder Kontakt zu den Autoren. Und weil einige davon praktischer Weise mit Seyfried zusammen in einer WG wohnten, kam dort immer mal wieder die Polizei auf einen Plausch vorbei. Zwanzigmal oder so, will Seyfried mal gezählt haben, als er mit dieser quasi-Omnipräsenz der Polizei seinen Umzug von München nach Berlin begründete.

In einem anderen Interview räumte er indes ein, dass die Münchner WG sich gerade aufgelöst hätte, als zufällig in Berlin ein Zimmer frei wurde. Genau genommen war das wohl gleich ein ganzes Haus, das Seyfried mit anderen in Kreuzberg besetzte. In seinen Comics kam das dann ja wohl öfters vor. Weil Seyfried genau aus diesem seinem eigenen Leben diese irrwitzigen Gestalten fand: die Öko-frau, mit der Zwille zusammen lebt, diese Kiffer, die aussehen wie die deutschen Cousins der US-amerikanischen Freak Brothers, deren Comics Seyfried übrigens zusammen mit Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt hatte. Und dann diese wunderbaren Polizisten in Freak-adellen und Bull-etten, über die sich übrigens auch tatsächliche Polizisten schlappgelacht haben sollen. Und warum auch nicht? Schließlich, wir erinnern uns, stellt Seyfried in seinen Comics auch die eigene Position zur Disposition, und lässt auch mal die ihm näher stehenden freakigeren Figuren bescheuert aussehen. Später bewies er in der Kooperation mit Ziska, dass er allerdings auch sehr ernste, unkomische Geschichten zu zeichnen versteht. Was ich persönlich auch super finde, aber um es mit den mir viel näher stehenden Figuren aus Seyfrieds Welt zu sagen: Na und? Mir doch egal.


Dirk Wagner ist eine Münchner Radio-Legende (Kanalratten aufRADIO M94,5) mit Underground-Touch und Comic-Verstand