Miguelanxo Prado: Kreidestriche

Nachdem sein Segelboot in einen Sturm geraten ist, entdeckt Raúl eine kleine Insel, die auf keiner Seekarte eingezeichnet ist. Aus der Ferne sieht diese wie ein Kreidestrich aus, denn der kleine kalkige Felsenhaufen verfügt über einen überdimensional langen, ebenfalls weißen Pier. Neben einem erloschenen Leuchtturm, befindet sich nur ein Gebäude auf der Insel.

Dabei handelt es sich laut der Besitzerin Sara um “eine Gaststätte, Taverne, Herberge und Laden in einem, was gerade nötig ist.“ Neben Saras seltsamen Sohn Dimas ist nur noch die angehende Schriftstellerin Ana auf der Insel, die ebenfalls per Segelboot angereist ist. Da Raúl von der jungen Frau fasziniert ist, beschließt er noch eine Weile an dem seltsamen Ort zu bleiben.

Raúl blamiert sich bei seinen Annäherungsversuchen und wird nicht so richtig schlau aus Ana, die auf jemanden zu warten scheint. Sara wiederum befürchtet, dass bald ein drittes Boot anlegen wird, was bisher immer zu Ärger geführt hat. Tatsächlich eskaliert die Situation als zwei Männer auftauchen, die sich sehr rüpelhaft aufführen…

Der Galicier Miguelanxo Prado (Der tägliche Wahn, Ardalèn) ist als Zeichner ebenso genial wie als Maler. Wer seinen 1993 veröffentlichten Comic Kreidestriche einmal gelesen hat, vergisst weder die seltsame Atmosphäre auf der Insel, noch die knisternde erotische Spannung zwischen Raúl, Ana und Sara, die Prados Bilder so eindringlich eingefangen haben. Daher ist es sehr erfreulich, dass Cross Cult sich des mehrfach preisgekrönten Werkes angenommen und es nach 30 Jahren neu veröffentlicht hat.

Für diese schöne Ausgabe spricht auch der umfangreiche Anhang. Da das Ende des Comics offen blieb, hat sich Prado immer wieder mit seinen Geschichte und den Charakteren beschäftigt. So veröffentlichte er 1997 im Magazin À Suivre… einen zweiseitigen Epilog. Für dieselbe Publikation zeichnete Prado zwei Jahre zuvor eine Seite in der Corto Maltese auf Ana trifft.

Doch der Band enthält nicht nur diese Kurzcomics und zusätzlich noch eine im Magazin Spirou erschienene Hommage an André Franquin. Neben zahlreichen Skizzen und alternativen Titelbildern kommen auch noch einige großformatige Illustrationen zum Abdruck. Interessant sind auch Prados Kommentare zu diesen Bildern.

Eine Doppelseite zeigt Raúl und Sara, die beisammen in der Taverne sitzen. Prado meint dazu: “Die Beziehung zwischen den beiden Charakteren war stets angespannt, aber ich hatte das Gefühl ich schulde ihnen zumindest ein gemeinsames halbwegs versöhnliches Glas.“ Auch mit Ana trank Raúl auf einem Plakat für ein Comicfestival in der Champagne ein gemeinsames Glas, doch hier ist Prado realistisch: “Dieses Motiv schien mir eine gute Gelegenheit zu sein, um beiden einen Moment zu schenken, den sie nie hatten.“

Heiner Lünstedt

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Manu Larcenet: Die Straße

Der erstaunliche Manu Larcenet (Blast) hat wieder zugeschlagen. Der Franzose kann sehr komisch wie in Die Rückkehr aufs Land oder “heiter bis bewölkt“ wie in Der alltägliche Kampf sein. Doch jetzt macht er dort weiter, wo er – basierend auf einem Roman von Philippe Claudel – bei Brodecks Bericht mit altmeisterlicher schwarzweißer Grafik faszinierte und schockierte.

Diesmal adaptierte Larcenet den 2009 mit Viggo Mortensen verfilmten Roman The Road von Cormac McCarthy (No Country for Old Men). Darin geht es um einen Mann, der mit seinem Sohn ein postapokalyptisches Nordamerika in Richtung Küste durchwandert.

Alles was sie besitzen passt in einen Einkaufswagen. Inmitten von Eiseskälte, Aschewolken und zerstörten Städten blickt das Duo immer wieder in menschliche Abgründe, ist  aber lediglich mit einen nur zwei Patronen enthaltenen Revolver bewaffnet.

Thematisch passend garnierte Larcenet seine akribisch ausgeführten Zeichnungen diesmal zusätzlich mit Grautönen und unterstreicht die Handlung gelegentlich durch den Einsatz von Farbe.

Das Resultat verbreitet zwar wenig Hoffnung, kann aber durch seine konsequente und wortkarge Darstellung des immer weniger unwahrscheinlich erscheinenden Untergangs unserer Zivilisation schwer beeindrucken.

Heiner Lünstedt

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Frankensteins Monster

So mancher schon etwas betagter Comicfreund hat sicherlich in seiner Jugend die beim Williams Verlag erschienene Serie Das Monster von Frankenstein mit einigem – vielleicht sogar leicht schaurigen – Vergnügen gelesen. Diese startete in den USA 1973 bei Marvel unter dem Titel The Monster of Frankenstein als relativ werkgetreue Adaption von Mary Shelleys Romanvorlage.

Der Autor Gary Friedrich und der Zeichner Mike Ploog siedelten ihre Geschichte am Ende des 19. Jahrhunderts an. Die ersten vier Hefte erzählten von einer Arktisexpedition, die Robert Walton IV, ein Ururenkel von Dr. Victor Frankenstein, mit einer “kleinen Gruppe von Gesetzlosen und Mördern“ durchführte und die natürlich im ewigen Eis das tiefgekühlte Monster fand.

Während nach dem Auftauen des Monsters die Lage am Nordpol ziemlich brenzlig wurde, erzählte Walton seinem Schiffsjungen die tragische Geschichte seines Vorfahrens. Dieser Auftakt der Serie funktioniert sehr gut als atmosphärisch stimmige Comicversion des Klassikers.

Dabei wurde vermieden, dass das Monster zu sehr nach Boris Karloff und Universal Horror aussah. Mike Ploog orientierte sich dabei an einer von Stan Lee abgesegneten Entwurfszeichnung von John Romita SR.

Doch nach vier Heften wurde es immer alberner und nach Ausgabe 6 verabschiedete sich Mike Ploog. Es kam dann tatsächlich genauso wie von ihm befürchtet, denn langsam aber sicher landete das Monster in Marvels damaliger Gegenwart und traf auf Spider-Man oder Iron Man.

Zwischendrin gastierte das Monster aber auch mit kürzeren Fortsetzungsstories in Marvel-Horrormagazinen wie Monster Unleashed! oder The Legion of Monsters. Hier gab es teilweise großartige schwarzweiße Graphik von John Buscema zu bestaunen und so manche dieser Geschichten ist durchaus lesenswert.

All dies Material brachte bei uns der Williams Verlag ab 1974 unter dem Titel Das Monster von Frankenstein an die Kioske. Als Krönung wurde hierfür die Nummer 26 sogar eigens für die deutsche Veröffentlichung von Hartmut Huff getextet und vom Spanier Leopold Sanchez gezeichnet.

Dabei handelt es sich um die direkte Fortsetzung des letzten US-Heftes The Monster of Frankenstein # 18. Die deutsche Ausgabe hielt sogar bis Nummer 33 durch, denn hier wurden auch noch eigens kolorierte Versionen der schwarzweißen Seiten aus Monster Unleashed!verwurstet.

Panini hat den Marvel-Frankenstein in einem schönen leicht überformatigen Sammelband auf 570 Seiten komplett (aber ohne Ausgabe 26!) veröffentlicht und auch noch etwas Bonusmaterial draufgelegt. In derselben Aufmachung – allerdings in drei Bänden – wurde bei Panini auch die zeitgleich erschienene Serie The Tomb of Dracula als Die Gruft von Dracula herausgebracht.

Heiner Lünstedt

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Ghibliothek

Eines Tages stellte Michael Leader fest, dass es “eine unfassbare gewaltige Lücke im kulturellen Wissen“ seines ansonsten genauso filmbesessenen Kumpels Jake Cunningham gab: “Er hatte kaum einen Studio Ghibli-Film gesehen.“ Da dies gar nicht ging, erstellte Michael einen „strengen und straffen Lehrplan für Mike“ und das Resultat ist dieses bemerkenswerte Buch.

Angefangen bei Hayao Miyazakis 1984er Blockbuster Nausicaä aus dem Tal der Winde setzte sich das Duo chronologisch und intensiv – aber niemals ausufernd! – mit den einzelnen Ghibli-Filmen auseinander. Dabei war es Michael, der die jeweiligen Hintergrundinfos lieferte, während Jake, der manche Filme zum ersten Mal sah, ebenso lebendige wie subjektive Kritiken zu Papier brachte.

Das Konzept geht voll auf und das Buch lädt auf 200 sehr schön bebilderten Farbseiten zu einer spannenden Zeitreise ein. Wer sich darauf einlässt, ist 1986 dabei, als Miyazaki mit Das Schloss im Himmel den ersten Ghibli-Film drehte. Zwei Jahre später später brachte das Studio mit Miyazakis Mein Nachbar Totoro und Isao Takahatas Die letzten Glühwürmchen am selben Tag zwei sehr unterschiedliche Filme in die Kinos.

Die beiden Studiogründer beschritten völlig unterschiedliche Wege. Nachdem Takahata mit Only Yesterday einen schwer zu Herzen gehenden Film in Szene setzte, machte er mit Pom Poko, Meine Nachbarn die Yamadas und Die Legende der Prinzessin Kaguya ohne Rücksicht auf Verluste sein eigenes Ding. Hayao Miyazaki hingegen reihte Klassiker an Klassiker: Kikis kleiner Lieferservice, Porco Rosso, Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland, Das wandelnde Schloss, Ponyo und Wie der Wind sich hebt.

Doch das ist noch lange nicht alles. Dieses Buch erzählt auch darüber, wie Miyazakis Sohn Goko 2006 mit Die Chroniken von Erdsee an der Kinokasse zwar erfolgreich war, doch auch sehr viel Spott erntete und Ursula K. Le Guin, die Autorin der dem Film zugrundeliegenden Fantasy-Romane, verärgerte, Besprochen werden auch Die rote Schildkröte vom Niederländer Michael Dudok und der am Computer animierte Film Aya und die Hexe, die sich beide nicht so recht in die restliche Ghibli-Filmografie einfügen wollen.

Die 2022 erschienene erste Auflage der Ghibliothek ist bereits vergriffen und mittlerweile liegt eine neue Ausgabe vor, die zusätzlich noch ein Nachwort emthält, sowie eine Besprechung zu Hayao Miyazakis möglicherweise tatsächlich letzten Ghibli-Film Der Junge und der Reiher.

In derselben Aufmachung ist das ebenfalls von Michael und Jake verfasste Buch Die Anime-Bibliothek erschienen. Dieser “ultimative Guide zum japanischen Animationsfilm“ enthält je einen ausgewählten Film von dreißig Regisseuren, also z. b. Akira von Katsuhiro Otomo, Ghost in the Shell von Mamoru Oshii oder Your Name von Makoto Shinkai.

Durch die Hintertür ist es dem Duo auch gelungen “Studio Ghibli“ in ihren ebenfalls sehr lesenswerten Anime-Guide zu schmuggeln, denn mit Lupin III: Das Schloss des Cagliostro ist darin auch der erste Kinofilm von Hayao Miyazaki enthalten.

Heiner Lünstedt

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Der absolute Horror

Im sechsten Buch der Reihe “Texte zur graphischen Literatur“ erzählt Christian Blees faktenreich und unterhaltsam die Geschichte der Gruselcomics in Deutschland. Dabei informiert er auch darüber, in welcher Form diese veröffentlicht wurden und liefert zudem die Biografien der wichtigen internationalen Kreativkräfte.

Dabei liest sich das Buch teilweise wie ein guter Gruselroman, denn es ist erschreckend, wie rücksichtslos viele internationale Comics von deutschen Verlagen verstümmelt, entstellt oder entschärft wurden. Dies trifft ganz besonders auf die Veröffentlichungen in den Siebzigern zu.

Doch Blees erzählt auch vom wohl ersten deutschen Gruselcomic, dem 1954 beim Alfonz Semrau Verlag veröffentlichen Vierteiler Das Geisterschiff, dessen Zeichner unbekannt blieb. Es folgten beim Bildschriftenverlag (bsv) innerhalb der aus den USA übernommenen Reihe Illustrierte Klassiker auch immer wieder Adaptionen von Schauerliteratur wie Die Frau in Weiß vom Wilkie Collins oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson.

Zwar gab es bei bsv ab 1967 noch das aus neun Heften bestehendes Gastspiel einer den Namen der Horrorfilm-Ikone Boris Karloff tragenden Anthologie mit “Geschichten des Grauens“, doch das goldene Zeitalter der deutschen Horrorcomics waren die Siebziger. Hier kann Christian Blees aus dem Vollen schöpfen und schreibt sehr lebendig über den bei bsv/Williams von 1972 bis 1984 veröffentlichten “besten Horror aller Zeiten“.

Eigens für die schlicht “Horror“ genannte aus dem DC-Fundus bestückte langlebige Serie schuf die Grafikerin Marlies Gerson einen roten Titelschriftzug mit blutrot tropfenden Buchstaben, der auch das Cover dieses Buchs ziert. Christian Blees betrachtet diese Comics keineswegs unkritisch: “Was die Bearbeitung der verschiedenen Geschichten anbelangt, bekleckerten sich die Horror-Verantwortlichen keineswegs immer mit Ruhm: Wie damals (nicht nur) auf dem deutschsprachigen Comicmarkt üblich, wurden Originalseiten mitunter kräftig ummontiert oder auch heftig beschnitten. Dies traf bei Horror beispielsweise gleich auf das allererste Heft zu.“

Doch immerhin bekam die deutsche Leserschaft auf diese manchmal etwas suboptimale Art zeitnah Zugriff auf die Marvel-Horrorklassiker Die Gruft von Graf Dracula und Das Monster von Frankenstein, wobei mangels US-Material für letztere Serie das Heft 26 sogar eigens für die deutsche Veröffentlichung von Hartmut Huff getextet und vom Spanier Leopold Sanchez gezeichnet wurde.

Natürlich finden in diesem Buch auch die von 1974 bis 2006 sehr erfolgreich bei Bastei veröffentlichten Gespenster Geschichten Erwähnung. Ewald Fehlau betreute die Reihe mit den sanften Grusel-Kurzgeschichten fast von Anfang an als Redakteur. Neben (freundlich ausgedrückt) höchst durchschnittlichen Comicmaterial kamen innerhalb der Reihe auch Storys von Zeichnern wie Frank Frazetta, Jack Kirby oder Wally Wood zum Abdruck.

Bemerkenswert ist auch, dass deutsche Zeichner wie Altmeister Hansrudi Wäscher, Reinhard Horst oder Oliver Kammel zum Einsatz kamen und Peter Mennigen Hauptautor bei den Gespenster Geschichten war. „Seltsam? Aber so steht es geschrieben …“

Damit diese Rezension nicht zum Epos wird, sei noch in Stichworten aufgezählt, was noch alles in diesem seinem Thema mehr als gerecht werdenden Buch zu finden ist: Vampirella, Spuk Geschichten, Vanessa: Die Freundin der Geister, Der Geister Reiter, Alan Dark, Gänsehaut, Grusel-Comics, Swamp Thing, Menschenblut, Buffy – Im Bann der Dämonen, Dylan Dog, Hellboy, The Walking Dead, Marvel Zombies, From Hell, Locke & Key, American Vampire, Neonomicon, Crossed, Hill House Comics, Malcolm Max, Outcast, Once & Future, Das Haus am See, Creepshow. Manga-Horror aus Japan, Horrorschocker uvm.

Heiner Lünstedt

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Diabolik ist nicht zu fassen

Nach einem spektakulären Banküberfall in Clerville sind sowohl Diabolik als auch sein Gegenspieler Inspektor Ginko den Tätern auf der Spur, allerdings aus unterschiedlichen Motiven. Beide werden von den Räubern außer Gefecht gesetzt und in eine Zelle gesperrt. Dort erfährt Ginko Details über die faszinierende Vergangenheit seines Gegners, während dessen Komplizin Eva Kant versucht Diabolik zu befreien…

Diese Geschichte erzählten die Schwestern Angela und Luciana Giussani 1968 in Diabolik, chi sei? (Diabolik, wer bist Du?dem 107. Taschenbuch der italienischen Erfolgsserie. Der Comic war eine ideale Vorlage für die Fanbrothers Marco und Antonio Manetti, um ihre 2021 mit Diabolik und ein Jahr später mit Diabolik wird gejagt begonnene Trilogie mit einem krönenden Finale zu beenden.

Auch ihren dritten Diabolik-Film haben die Manettis so inszeniert, als wenn er in den Sechziger Jahren entstanden. Dies erklärt den etwas arg entschleunigt erzählten Auftakt, doch es lohnt sich dranzubleiben. Wenn sich Diabolik (Giacomo Gianniotti) und Ginko (Valerio Mastandrea) in der kleinen Zelle gegenübersetzen, ist auch das Publikum gefesselt. Großartig ist auch eine stilvoll in Schwarzweiß in Szene gesetzte Rückblende, die plausibel erklärt, warum Diabolik der einzige Name des Antihelden ist.

Die Manettis haben die Comicvorlage etwas angedickt. Dadurch ist es ihnen möglich auch die in Italien sehr populäre Figur der Altea di Vallenberg, die bereits in Diabolik wird gejagt von Monica Bellucci gespielt wird, in die Geschichte einzubinden. Da die Adelige in einer sehr enge Beziehung zu Inspektor Ginko steht, hat sie ein ebenso großes Interesse wie Eva Kant (wieder großartig: Miriam Leone) daran, das Versteck der Bankräuber zu finden.

In der zweiten Hälfte entwickelte der Film durch das Zusammenspiel der beiden sehr unterschiedlichen Duos Diabolik/Ginko und Eva Kant/Altea eine große Dynamik. Es ist sehr schade, dass keine weiteren dieser stilvollen und traditionsbewussten Comicverfilmungen gedreht werden.

Die Blu-ray von Plaion enthält neben dem 124-minütigen Hauptfilm noch ein 14-mimütiges, sehr informatives Making Of und den deutschen Trailer (1:21 min). Zusätzlich gibt es noch eine Special Edition mit Blu-ray und DVD, die in einem Schuber stecken, der einen 125-seitigen Comic in der Größe einer DVD-Hülle enthält. Dabei handelt es sich um die deutsche Erstveröffentlichung der Filmvorlage „Diabolik, wer bist Du“ von 1968.

Auf den schlichten schwarzweißen Zeichnungen von Clauco Coretti und Enzo Facciolo, ist alles zu sehen, was zum Erzählen der gradlinig-spannenden Geschichte der Giussani-Schwestern erforderlich ist. Durch diesen Comic wird klar, warum Diabolik zu einem so großen Erfolg wurde.

Heiner Lünstedt

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Enrico Marini: Die Adler Roms VI

Seit 2007 erzählt Enrico Marini (Gipsy, Der Stern der Wüste) in Die Adler Roms von der On-Off-Freundschaft zwischen dem Römer Marcus und den Germanen Arminus. Marinis erste im Alleingang realisierte Serie basiert auf der alles andere als lückenlos dokumentierten Biografie von „Hermann der Cherusker“, der zu Beginn unserer Zeitrechnung als römischer Soldat unter dem Namen Arminus diente.

Im Jahre 9. n. Chr. bescherte er seinem einstigen Arbeitgeber in der Schlacht im Teutoburger Wald eine verheerende Niederlage und vernichtete drei Legionen. In Marinis Comic kommt Arminus als germanische Geisel nach Rom und erhält bei einem Veteranen zusammen mit dessen Sohn Marcus eine knallharte Ausbildung, die der Beginn einer fragilen Freundschaft zwischen den beiden jungen Männern ist.

Band V von Die Aller Roms zeigt die atemberaubend, u. a. auf einer monumentalen Doppelseite, von Marini in Szene gesetzte Schlacht im Teutoburger Wald, die für Marcus in einer großen privaten Tragödie gipfelt. Nachdem Marini die ersten fünf Bände im Zweijahrestakt realisiert hatte, sollte es sieben Jahre dauern bis die Fortsetzung erschien.

Gleich der erste Blick in Band VI überrascht, denn der Comic beginnt mit einer Doppelseite, die jedoch kein gewaltiges Schlachtengetümmel zeigt, sondern einen eher intimen Moment. Im Schatten ist ein Mann zu sehen, der sein Schwer schärft. Um ihn herum befinden sich das Schild und die Waffen eines Gladiatoren. Dass es hier um Marcus handelt verwundert kaum, doch es verwundert, dass Marini seinen Comic diesmal nicht mit aufwändig ausgestalteten Bildfolgen, sondern mit einer schlichten (aber sehr wirkungsvollen) Illustration begonnen hat.

Angesichts der letzten Comics von Marini überrascht diese Entwicklung nicht. Auch in seinem nur die Schmuckfarbe Rot einsetzenden Krimi Noir Burlesque und seiner Batman-Story Der dunkle Prinz setzt Marini weniger auf beeindruckend detailliert gestaltete Panels. Stattdessen zieht er die Leserschaft mit einem an Mangas erinnernden ökonomisch ausgeführten Stil noch stärker in seine Geschichte hinein.

Zwar nimmt die Lektüre des aktuellen mehr als achtzig Seiten umfassenden Bandes sehr viel weniger Zeit ein, als dies bei den merklich dünneren vorherigen Alben der Fall war. Doch ich hatte das Gefühl diesmal sehr viel näher am Geschehen dran zu sein und hoffe, dass es nicht wieder sechs Jahre dauert, bis die Fortsetzung erscheint.

Heiner Lünstedt

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Reddition 79/80: Comic & Illustration

Ihr vierzigjähriges Bestehen feiert die Reddition, das Fachmagazin für Graphische Literatur, mit einer Doppelnummer, die es in sich hat. Passend zum Jubiläum kommen ausgewählte Illustrationen von vierzig internationalen ComickünstlerInnen zum Abdruck.

Hinzu kommen Texte, die erläutern inwieweit die beim Zeichnen von Comics gewonnenen erzählerischen Erfahrungen in die Werke eingeflossen sind und warum manche davon auch als “Einbild-Story“ funktionieren.

Ein schönes Beispiel hierfür ist die Illustration The Mirror von Joost Swarte, die auf den ersten Blick vor allem sehr dekorativ wirkt. Doch Reddition-Herausgeber Volker Hamann erläutert detektivisch akkurat, dass der Niederländer zugleich auch – quasi als Drama-Cartoon – eine Geschichte über Liebe und Eifersucht in Szene gesetzt hat.

Zum Abdruck kommen auch ikonische Illustrationen wie das erste Sandman-Cover von Dave McKean, das französische Plakat zu Fellinis Schiff der Träume von Jacques Tardi, Three Ages of Woman von Jeff Jones, ein abgelehntes Plakat zum Trento Film Festival von Milo Manara, das Filmposter zu Le Frisson Des Vampires von Philippe Druillet oder Frank Frazettas Gemälde Death Dealer, das auch Verwendung als Plattencover beim ersten Album der Band Molly Hatched fand und mehrere Comicserien nach sich zog.

Chris Scheuer ist mit NICK NICKEL in der neuen Reddition vertreten

Außerdem sind noch Illustationen enthalten von François Avril, Enki Bilal, Charles Burns, Yves Chaland, Richard Corben, Guido Crepax, Philippe Dupuy, Charles Berbérian, Anke Feuchtenberger, Flix, Jean-Claude Floc’h, Jean-Claude Götting, André Juillard, Isabel Kreitz, Henk Kuijpers, Rutu Modan, Marc-Antoine Mathieu, Lorenzo Mattotti, Moebius, Peter Nuyten, Chris Scheuer, François Schuiten, Matthias Schultheiss, Seth, Jim Steranko, Sergio Toppi, Alex Toth, Boris Vallejo, Chris Ware, Barry Windsor-Smith und Bernie Wrightson.

Abgerundet wird die Reddition durch eine Einführung von Juliane Wenzl und Jens R. Nielsen, sowie Artikel über Werbecomics und die sehr gelungenen Titelbilder der DC-Hefte in den späten Sechzigern.

Heiner Lünstedt

Zu bestellen unter: www.reddition.de

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Jean-Yves Mitton: Das Phantom

Lee Falks Serie The Phantom startete am 17. Februar 1936 und betrat somit noch vor Superman und Batman die Superheld-Bühne. Auch im Nachkriegsdeutschland waren die Geschichten vom “Wandelnden Geist“, der sein Kostüm von Generation zu Generation weiterreicht, sehr populär. Bereits 1949 wurden die Phantom-Strips in Zeitungen wie der Hamburger Morgenpost veröffentlicht.

Von 1974 bis 1983 erschienen beim Bastei Verlag 238 großformatige Hefte und diverse Taschenbücher. Danach wurde es etwas ruhiger um das Phantom. Doch in den letzten Jahren kam es zu einer überraschenden Wiederauferstehung. Im Juni 2022 erschien bei der Edition Alfonz das Sachbuch Lee Falks Phantom – Der ultimative Wegweiser durch den Dschungel der deutschsprachigen Veröffentlichungen von Christian Blees.

Garniert mit einem Titelbild von Timo Wuerz startete zeitgleich mit diesem Rückblick bei Zauberstern Comics ein “offiziell Fanboy geprüftes 100-seitiges “Phantom-Magazin. Enthalten sind sowohl klassisches als auch neues Material und es sind bereits dreizehn Farbausgaben im Bastei-Format erschienen.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die ebenfalls 2022 gestarteten Aktivitäten von Ulrich Wick, der etwas nostalgischer unterwegs ist. Unter dem Motto “Bastei Freunde präsentieren“ erscheinen hier in zwölf schwarzweißen Heften alle für Bastei von Peter Mennigen geschriebenen und vom Spanier José Ortiz Tafalla gezeichneten Phantom-Comics.

Hierbei handelt es sich um eine absolute Liebhaber-Ausgabe, für die Menningen seine Texte noch einmal überarbeitet hat. Bei den Titelbildern handelt es sich um zwölf bisher nicht in Deutschland veröffentlichte Werke von Ertugrul Edirne und außerdem sind hochinteressante Fachartikel enthalten.

Mit einer ebenfalls in Schwarzweiß veröffentlichten zweibändigen Edition beteiligt sich auch Kult Comics am Phantom-Revival. Jean-Yves Mitton zeichnete in Frankreich unter dem Pseudonym John Milton für die Éditions Lug einige Comics mit Superhelden wie Silver SurferFantastic Four oder Spider-Man. Als der schwedische Semic-Verlag den Familienbetrieb aus Lyon übernahm, erhielt Mitton die Gelegenheit acht Phantom-Geschichten zu zeichnen.

Mittons Comics entstanden nach Texten von britischen Autoren wie Donne Avenell oder Norman Worker. Sie erschienen in Schweden, Norwegen, Finnland, Australien und mit zwanzigjähriger Verspätung auch in Frankreich. Da seine Comics für das schwarzweiße Fantomen-Magazin entstanden sind, platzierte Mitton viele Schwarzflächen in seinen Zeichnungen und arbeitete dabei sehr gekonnt mit Licht und Schatten.

Variantcover von Band 1

Seine Zeichenkunst kommt ganz besonders gut in jenen Geschichten zum Ausdruck, in denen die Vorfahren des amtierenden Phantoms im historischen Paris oder in Brügge ihre Abenteuer erlebten. Seine Geschichten mit dem Phantom machten den Superhelden-Zeichner Mitton fit für in Comicalben veröffentlichte Serien wie Chronik der Barbaren, Messalina oder Vae Victis, mit denen er in Frankreich große Erfolge feierte. Es ist sehr lobenswert, dass Kult Comics seine Edition mit reich bebilderten und äußerst informativen Vorworten versehen hat.

Exlibris von Geier zu Band 2

Als Alternative zur Softcover-Veröffentlichung gibt es eine gebundene auf 99 Exemplare limitierte Ausgabe mit Exlibris von Jean-Yves Mitton und Geier.

Heiner Lünstedt

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Schwarwel: Gevatter – Die fünf Phasen

Unter dem Titel “Verleugnung“ veröffentlichte Thomas Meitsch alias Schwarwel 2019 das erste Kapitel dieses Comics als zwanzigseitiges Heft. Fünf Jahre später erschien Gevatter – Die fünf Phasen bei Glücklicher Montag als 170-seitige Gesamtausgabe.

Dass dies so lange gedauert hat, liegt sicher daran, dass Schwarwel ein unglaublich produktiver Künstler ist. Der Schöpfer der Comicfigur Schweinevogel ist auch als  Illustrator, Trickfilmer, Comiczeichner, Animator, Storyboarder, Drehbuch-Autor, Regisseur, Produzent und Art Director tätig. Außerdem stellt er täglich politische Cartoons online.

Ein weiterer Grund dafür, dass Schwarwel fünf Jahre an Gevatter gearbeitet hat, dürfte sein akribischer oft recht kleinteiliger Zeichenstil sein. Bei seiner schwarzweißen Grafik orientierte er sich – manchmal sehr gut erkennbar – an Charles Burns, Mike Mignola, Frank Miller oder Daniel Clowes, sowie am strengen “Neun-Bilder-pro-Seite-Raster“, das Dave Gibbons bei Watchmen einsetzte.

Seinen Arbeitsstil erklärt Schwarwel wie folgt: “Dank des iPads konnte ich bei Gevatter noch mehr ins Detail gehen und ich habe die Kontrolle über den Strich, obwohl ich da immer aufpassen muss, dass ich die Panels nicht tot zeichne.“

Möglicherweise waren die liebevolle Sorgfalt mit der Schwarwel die T-Shirts seiner Hauptfigur Tim mit den gut erkennbaren Logos von Bands wie Ramones, Motörhead, Gluecifer, Slime oder Neurosis verzierte auch eine Art Belohnung dafür, dass er bei der Stange geblieben ist. Denn ganz sicher hat es ihm immer wieder Überwindung gekostet, weiter an seiner autobiografisch geprägten Geschichte über Selbstmord, Krankheiten, Behinderung, Pflege, Trauer, Alkoholismus und Therapie zu arbeiten.

Doch die Mühe hat sich gelohnt, denn das Resultat ist ein ganz schön finsteres, aber auch Hoffnung machendes Epos. Aufhänger für die Geschichte sind die fünf von der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross definierten Trauerphasen Verleugnung, Zorn, Verhandlung, Depression und Akzeptanz, die Schwarwel als für “mich und mein Erleben absolut zutreffende“ Kapitelüberschriften wählte.

Schwarwel möchte mit seinem Comic dazu anregen, über “eine angemessene Sterbekultur“ nachzudenken, um “dem Tod seinen berechtigten Platz in unserem Leben einzuräumen: als würdevolles Ende des eigenen Seins ebenso wie als Motivator, die wertvolle Zeit davor gut und sinnvoll zu nutzen, statt sie verschwenderisch verstreichen zu lassen als gäbe es kein Morgen.“

Mit Gevatter ist es Schwarwel gelungen, seine Erfahrungen und Gedanken zum Thema Tod sehr lebendig zu vermitteln.

Heiner Lünstedt

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