Nicolas Mahler: Mein Therapeut ist ein Psycho!

2014 erschien die schon lange vergriffene erste Auflage dieses Buchs bei der edition moderne. Mein Therapeut ist ein Psycho war damals ein schmaler Band mit 56 Seiten, die Neuauflage ist sehr viel umfangreicher. Der Suhrkamp Verlag feiert dies recht treffend mit den Worten “Jetzt doppelt so neurotisch!“

In letzter Zeit veröffentlichte Nicolas Mahler schräge Comicadaptionen von Klassikern wie Ulysses oder Bücher, die sich pointiert mit Persönlichkeiten wie Franz Kafka, Thomas Bernhard oder Romy Schneider beschäftigen. Dabei ist etwas in Vergessenheit geraten, was für ein ebenso schräger wie treffsicherer Cartoonist der Wiener ist.

Die in diesem Band versammelten Bildwitze kreisen um die Themen Psychoanalyse und Geisteserkrankungen. Dabei macht sich Mahler weniger über die Patienten lustig, sondern die Zielscheibe seines Spottes sind zweifelhafte Heilmethoden, wie die Chaostherapie, bei der häufig die Unterlagen abhanden kommen, einem Harakiri-Lehrgang mit wechselnder Kursleitung, oder jenem Urschrei-Workshop, der direkt neben der Hörsturz-Selbsthilfegruppe stattfindet.

Heiner Lünstedt

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Olivia Vieweg: Fangirl Fantasy

Alan Dale fühlt sich unwohl als vermeintlicher Hauptdarsteller eines Films mit dem Titel My Wife, her Corgi (and me). Anstelle in einem zweiten Teil der erfolgreichen Hundeschmonzette auftreten zu müssen, hoffte er darauf, sich auf Londoner Bühnen als Shakespeare-Darsteller profilieren zu können.

Dass er sich im Laufe seiner bisherigen Karriere in eher seichten Filmen und Fernsehserien eine sehr aktive und teilweise auch aufdringliche Fanbase erarbeitet hat, bestärkt ihn in seinem Entschluss zu Imagewechsel.

Alan hat jedoch nicht mit den fanatischten Fangirls Kate, Ashley und Lia gerechnet. Das Trio postete bereits haufenweise eigene Stories rund um Alan Dales Frühwerke: Dem romantischen historischen Drama Only the Wind knows, der Science-Fiction-Serie Opportunity und dem Superhelden-Franchise Young Protectors.

Doch dies war den jungen Frauen nicht genug. Es gelang ihnen Alan nach Ostdeutschland zu entführen, um in einer stillgelegten Spielzeug-Fabrik ihre ultimativen Fangirl-Fantasien auszuleben. Gut ausgestattet mit Cosplay-Klamotten wollten sie gemeinsam mit Alan ihre schönsten Fanfiction-Momente ausleben…

Olivia Vieweg weiß wovon sie schreibt und zeichnet. Im Nachwort bedankt sie sich bei allen, die ihr “Fangirling so geduldig ertragen haben.“ Daher hat sie keinerlei Interesse daran, sich über Fangirls wie Kate, Ashley oder Lia lustig zu machen. Für sie ist es völlig legitim, den manchmal etwas tristen Alltag durch das Ausleben von Obsessionen aufzupeppen.

Olivia Viewegs 260-seitiger Comic ist ein wunderschön kolorierter wilder Ritt durch die Welten der Trivialkultur. Dabei sorgen die glaubhaften Hauptcharaktere und das – wie schon zuvor in Huck Finn, Antoinette kehrt zurück und Endzeit – scheinbar beiläufig eingefangene Lokalkolorit des deutschen Ostens dafür, dass die Geschichte sehr viel mehr ist, als die Fantasie eines Fangirls.

Heiner Lünstedt

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Max & Luzie Integral

Mehr als 40 Jahre hat es gedauert, doch jetzt erscheint eine der besten deutschen Comicserien endlich in einer den großartigen Zeichnungen von Franz Gerg angemessenen Edition. Bei Max & Luzie handelt es sich zwar um einen Werbecomic der Allianz Versicherung, doch die turbulenten Abenteuer, die die beiden Titelhelden, bei denen es sich um Kinder handelt, zusammen mit dem kauzigen Kiez auf ihren Zeitreisen erleben, sind alles andere als plumpe Reklame.

Vielmehr bemühte sich Monika Sattrasai, die die Serie als Herausgeberin betreute und von der die in den Heften enthaltenen Sachartikel stammen, darum auf 16 Seiten ebenso abenteuerliche, wie auch spannende, lustige und historisch korrekte Geschichte zu erzählen. Wie man hört hatte Sattrasai dabei regelmäßig Streit mit dem Autorenduo Doris Ertel-Zellner und Reinhold Zellner.

Doch aus diese Auseinandersetzungen gingen erstaunliche Geschichten hervor, die Franz Gerg zu grafischen Höchstleistungen anspornten. Durch seine dynamischen und perspektiv oft überraschenden Bilder wäre er in Frankobelgien zu einen der Stammzeichner des Spirou-Magazins geworden. Die Hefte mit Max & Luzie hingegen, wurden zwar in Auflagen von bis zu 500.000 Exemplaren gedruckt, erreichten jedoch nur Leser, die einen Alianz-Versicherungsvertreter kannten.

In der bundesdeutschen Comicszene fand die Serie daher kaum Beachtung, erfreute aber in der DDR einige Mosaik-Fans, für die Max, Luzie und Kiez Artverwandte der ebenfalls durch Raum und Zeit reisenden Digedags und Abrafaxe waren. Vielleicht ist es auch daher der umtriebige Leipziger Verlag Kult Comics, dem es gelungen ist, eine Gesamtausgabe von Max & Luzie zu starten.

Franz Gerg auf dem Comicfestival München 2021

Angekündigt sind sechs gebundene Sammelbände mit insgesamt 48 Heften der Serie. Dabei bleiben die ersten 19 Ausgaben von Max & Luzie (erst einmal?) unberücksichtigt und die Veröffentlichung startet mit dem zwanzigsten Heft In der französischen Revolution von 1989 und endet in Band Sechs mit Bei Dschingis Khan, dem 68. und “letzten in der klassischen Art gemachten Max & Luzie-Comic“. Der 2001 vor dem gescheiterten Relaunch veröffentlicht wurde.

Der Integral-Reihe von Max & Luzie ist ein großer Erfolg zu wünschen, auch weil dann vielleicht auch noch die restlichen Comics erscheinen werden. Die Qualität des enthaltenen Comicmaterials und die interessanten reich bebilderten Sachartikel machen Hoffnung darauf, dass die großartige Serie in dieser adäquaten Form endlich komplett erscheint. Es ist dabei sicher hilfreich, wenn Fans von Max & Luzie direkt beim Verlag ein Exemplar der auf 99 Exemplare limitierten Variantcover-Ausgabe mit zwei exklusiven, von Franz Gerg signierten Exlibris bestellt.

Heiner Lünstedt

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Der dicke Donald – 90 Jahre

Genau wie zuvor das 100. Firmenjubiläum von Disney feiert Egmont auch den 90. Geburtstag von Donald Duck mit einer ganzen Reihe von Sonderpublikationen. Unter dem Motto Bitte lächeln! erscheint ein querformatiger Band mit Donald Duck Strips.

Außerdem gibt es eine vierbändige Sonderedition der Lustigen Taschenbücher, in der das nicht immer herzliche Verhältnis des zu Wutausbrüchen neigenden Enterichs zu seinen Neffen, seinem Onkel Dagobert, seiner (?) Freundin Daisy und seinem Rivalen Gustav Gans ausgelotet wird.

Zum 90. Geburtstag von Donald erscheint zusätzlich noch ein voluminöser Prachtband, der dessen Comickarriere feiert. In ihrer Einleitung weisen Ralph Trommer und Fabian Gross daraufhin, dass Donald eigentlich schon etwas älter ist. Erstmals wurde er bereits 1931 in im Bilderbuch The Adventures of Mickey Mouse als ein Freund von Micky erwähnt. Auf dem Backcover ist eine wild tanzende Ente mit grüner Lederhose und Tirolerhut zu sehen, bei der es sich höchstwahrscheinlich um Donald handelt.

Doch als Geburtstag gilt allgemein der 9. Juni 1934, an dem der Disney-Cartoon The Wise Little Hen mit Donald in einer Nebenrolle seine Premiere erlebte. Der dicke Donald enthält eine im selben Jahr veröffentlichte Comicversion dieses Films, in der allerdings mit den selben Charakteren eine komplett andere Geschichte erzählt wird. Gezeichnet hat diese Geschichte Al Taliaferro, der Walt Disney 1937 davon überzeugte, dass ein täglicher Comic mit Donald garantiert ein Hit werden würde.

Im Gegensatz zu Floyd Gottfredson der – oftmals von Taliaferro getuschte – epische Fortsetzungsstories mit Micky Maus in Szene setzte, war Taliaferro ein Mann der kurzen ohne viel Worte auskommenden Slapstick-Gags. Seine zeitlos komischen Onepager werden auch heute noch sehr gerne in Disney-Comicheften veröffentlicht.

In diesem Buch werden einige von Taliaferros Strips auf den Seiten abgedruckt , die die sechs Kapitel des Buchs einleiten. An den selben Stelle wurden auch markante Duck-Titelbilder von Carl Barks platziert, denn natürlich enthält die Collection mit dem Zehnseiter High Wire Daredevils von 1944 und dem zehn Jahre später entstandenen 33-seitigen Camping-Abenteuer Vacation Time Comics des Altmeisters.

Eins der Highlights des Buchs ist zweifelsohne die deutsche Erstveröffentlichung einer sehr ausführlichen 48-seitigen Adaption des Kinofilms The Three Caballeros. Diese Story erschien 1945 parallel zum Kinostart und stammt vom ehemaligen Disney-Animator Walt Kelly, der kurz danach seinen Erfolgscomic mit dem Opposum Pogo und seinen Freunden aus dem Okefenokeesumpf startete.

Kellys Comic erzählt nicht nur die Erlebnisse von Donald und seinen südamerikanischen Freuden, dem brasilianischen Papagei José Carioca und dem mexikanischen Hahn Panchito. Genau wie im Kinofilm sind auch die Stories über den am Südpol frierenden Pinguin Pablo, einen kleinen Jungen aus Uruguay und seinem fliegenden Esel, sowie Weihnachten in Mexiko enthalten. Die Sequenzen, in denen Donald im Sambafieber zusammen mit von realen Schauspielerinnen verkörperten Tänzerinnen Südamerika unsicher macht, fehlen leider im Comic, genau wie das große surreale Finale.

Aufgeteilt in die sechs Kapitel Der Duck von damals, Der Familienerpel, Abenteuerlust, Abenteuerfrust, Duck ärgere Dich nicht, Ein Mann will nach oben und Donalds Heldentaten enthält der Band Comics von weiteren Künstlern wie Don Rosa, Romano Scarpa, Giorgio Cavazzano, Vicar, Tony Strobl, William Van Horn, Ulrich Schröder, Peter Snejbjerg und Marco Rota. Es wird nicht ganz einfach für Egmont, diese sehr gut sortierte Collection 2034 zu Donalds 100. Geburtstag zu übertreffen.

Heiner Lünstedt

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Bodies

Dank einer Netflix-Serie, die teilweise von Marco Kreuzpaintner inszeniert wurde, veröffentlich Panini mit zehnjähriger Verspätung eine interessante Comicreihe aus der Spätphase des leider nicht mehr bestehenden DC-Labels Vertigo. Die Neuauflage, bzw. die deutsche Erstausgabe, von Bodies erscheint jetzt mit dem Logo vom DC Black Label, dem amtierenden Erwachsenen-Imprint des Superhelden Verlags.

Genau wie bei Vertigo-Serien wie Sandman oder Preacher stammen auch bei Bodies die Kreativkräfte aus Großbritannien. Der Autor Si Spencer (Hellblazer: City of Demons) erzählt in seiner 2014 gestarteten Serie von einer Mordserie, die gleichzeitig in vier verschiedenen Zeitepochen stattfindet.

Meghan Hetrick

So entdecken 1890 der Jack the Ripper jagende homosexuelle Detective Inspector Edmond Hillinghead, 1940 der aus Polen geflüchtete jüdische Detective Inspector Charles Whiteman im Bombenhagel der deutschen Luftwaffe, 2014 die muslimische Polizistin Detective Sergeant Shahara Hasan und die junge Ermittlerin Maplewood im postapokalyptischen London von 2050 anscheinend alle dieselbe Leiche.

Dean Ormston

Innerhalb der acht Hefte von Bodies beackert Si Spencer jeweils alle vier Zeitebenen, wobei durch die Zeichernerinnen Meghan Hetrick (2014) und Tula Lotay (2050), sowie durch die Zeichner Dean Ormston (1890) und Phil Winslade (1940) ständig der Look des Comics wechselt.

Phil Winslade

Das Resultat ist größtenteils faszinierend, da die Ermittlerinnen und Detektive fast alle sehr interessant charakterisiert wurden.

Tula Lotay

Der Zustand der Welt im Jahre 2050 erschließt sich, auch dank der meist etwas krakelig wirkenden und grell kolorierten Bilder von Tula Lotay nur bedingt, und das ganz große (oder das zumindest alles erklärende) Finale bleibt leider auch aus.

Brian Bolland

Dennoch ist Bodies ein hochinteressanter Comic, den Panini gebündelt mit Charakterskizzen zu allen Zeitepochen und den teilweise sensationellen Titelbildern von Künstlern wie Eduardo Risso oder Brian Bolland herausgebracht hat.

Heiner Lünstedt

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Justice League: Crisis on Infinite Earths

Dieser Film ist das 50. für den Heimkinomarkt produzierte DC Universe Animated Original Movie. Diese Reihe von Superhelden-Abenteuern wurde ganz offensichtlich von Comicfans für Comicfans in Szene gesetzt. Mit den liebevoll realisierten Animationsfilmen ist DC etwas gelungen, was die Company im Bereich des Realfilms bisher (noch?) nicht geschafft hat: Ein Gegenstück zum Marvel Cinematic Universe.

Innerhalb der Reihe werden oft sehr werkgetreu Comicklassiker wie Batman: The Dark Knight Returns, All-Star Superman, Batman: Year One oder Gotham by Gaslight in bewegte Bilder umgesetzt und demnächst folgt eine animierte Adaption von Watchmen. Verteilt auf mehrere Filme werden aber auch längere zusammenhängende Geschichten erzählt, in denen sich eigene DC-Universen zusammenfügen. Dies war bereits bei dem nach fünfzehn Filmen mit dem großen Finale Justice League Dark: Apokolips War beendeten DC Animated Movie Universe der Fall.

Aktuell arbeitet seit 2020 ein Team des Produzenten und Autoren Jim Krieg an einem Tomorrowverse. In den teilweise sehr originellen Filmen Superman: Man of Tomorrow, Justice Society: World War II, Batman: The Long Halloween, Green Lantern: Beware my Power, Legion of Super-Heroes und Justice League Warworld entwickelt sich ein etwas anderes aber auch sehr traditionsbewusstes DC-Universum, das für manche Überraschung sorgt.

Im achten Film Justice League: Crisis on Infinite Earths – Part One beginnen die Aufräumarbeiten, damit es nicht zu unübersichtlich wird. Doch zuvor feiert noch die Justice League ihre Gründung und Batman entscheidet sich dazu den jungen Dick Grayson in Wayne Manor wohnen zu lassen . Innerhalb dieser Geschichte läuft aber auch noch – unterbrochen durch Reisen in parallele Welten – im Schweinsgalopp das Privatleben von Barry Allen alias Flash ab, der Iris West kennenlernt, sie heiratet und mit ihr alt wird. Erst nach circa 45 Minuten wird der Film dann seinem Titel gerecht, denn Harbinger und der Psycho Pirat tauchen auf…

1985 wurden die bei DC veröffentlichten Comics zu unübersichtlich für Neueinsteiger und verkauften sich daher sehr viel schlechter als die Produkte des Mitbewerbers Marvel. Abhilfe schaffte ein gewaltiges Crossover, das gleichzeitig in vielen DC-Serien stattfand. Marv Wolfman schrieb die zwölfteilige Serie Crisis on Infinite Earths, die George Pérez in detailreichen Wimmelbildern in Szene setzte. Dabei waren einige dramatische Todesfälle (u. a. Flash und Supergirl) zu vermelden, aber auch ganze Paralleluniversen verschwanden.

Nachdem es bereits in den TV-Serien des Arrowverse eine ebenso freie wie unterhaltsame Interpretation von Crisis on Infinite Earths gegeben hatte, folgt jetzt die animierte Variante. Genau wie im Comic sprechen sich auch hier die Protagonisten sehr häufig untereinander mit den vollen Superhelden-Namen an, damit der Zuschauer die Übersicht behält. Das Resultat verblüfft und verwirrt. Manches wird vielleicht noch in den beiden Fortsetzungen aufgeklärt, in denen auch Charaktere aus den klassischen Animationsserien Batman: The Animated Series und Batman Beyond eine wichtige Rolle spielen.

Während dieser Animationsfilm in USA und Großbritannien sogar in einem schönen Steelbook als 4K Ultra HD veröffentlicht wurde, ist eine deutsche Veröffentlichung (und Synchronisation) nicht vorgesehen. Als Bonus gibt es noch zwei jeweil knapp zehnminütige interessante Dokus: „The Selfless Speedster“ und „Crises Prime(r)“    

Heiner Lünstedt

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Lucky Luke – Neue Gesamtausgabe 5

Es geht nicht allzu zügig voran mit der neuen Gesamtausgabe von Lucky Luke, denn zwischen der Veröffentlichung des vierten und fünften Bandes vergingen 15 Monate. Doch das Warten hat sich gelohnt, denn das gebundene Buch enthält nicht nur drei Comic-Klassiker mit vielen unvergesslichen Sequenzen, sondern zudem noch sehr viele hochinteressante Hintergrundinfos.

Als 1957 die Geschichte Le Juge über Lucky Lukes Begegnung mit dem skurrilen Richter Roy Bean und seinem Bären Bruno zunächst im Magazin Spirou und ein Jahr später als Album veröffentlicht wurde, war zu lesen: “Texte et illustrations de MORRIS“. Dass das Szenario zum größten Teil von René Goscinny stammte, wurde dem Leser verschwiegen.

Dies lag nicht nur daran, dass Comicautoren damals nur selten genannt wurden, sondern der Hauptgrund war, dass Goscinny bei den Verlegern auf einer schwarzen Liste stand, weil er sich für die Rechte von Autoren einsetzte und zusammen mit Kollegen wie Jean-Michel Charlier (Blueberry) versucht hatte, eine Gewerkschaft zu gründen.

Zudem bemerkte Spirou-Boss Charles Dupuis nicht, dass sich die Lucky-Luke-Geschichten immer stärker nicht nur an jugendliche Leser richteten. Zugleich funktionierten Gosinnys Geschichten als Satire und als Parodie auf damals aktuelle Westernfilme, wodurch sie auch ein erwachsenes Publikum ansprachen.

Morris schätzte die Qualität der Texte von Goscinny und bezahlte ihn aus seiner eigenen Tasche. Ab 1958 schrieb Goscinny die Abenteuer von Lucky Luke im Alleingang. Dies schlug sich auch darin nieder, dass Morris seine Lucky-Luke-Seiten nicht mehr fortlaufend durchnummerierte. Das Album Der Richter endet mit Seite 566, also der Gesamtzahl aller bis dahin von Morris gezeichneten Lucky-Luke-Seiten.

Die beiden folgenden auch in diesen Band enthaltenen Geschichten Ruée sur l’Oklahoma (Auf nach Oklahoma) und L’évasion des Dalton (Die Daltons brechen aus) beginnen – wie alle weiteren albenlangen Comics mit Seite 1 und enden mit dem auf Seite 44 singend in den Sonnengang reitenden “Poor Lonesome Cowboy“.

Heiner Lünstedt

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Modesty Blaise

Der Brite Peter O’Donnell wurde zwei Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen und blieb bis 1946 Soldat. Er war stationiert in Italien, in Ägypten, auf Zypern und dem damaligen Persien. Dort traf er mit einigen Kameraden ein barfüßiges Flüchtlingsmädchen, das “sehr selbstsicher wirkte, anscheinend gewohnt war, allein unterwegs zu sein“, dabei “vorsichtig aber nicht ängstlich war, ohne Hilfe von jemanden zu erwarten.“

O’Donnell überließ dem Mädchen einige Konserven und einen Dosenöffner, bevor sie weiterzog. Der nach dem Krieg als Autor tätige O’Donnell musste an das Flüchtlingskind denken, als er 1962 den Auftrag erhielt, einen Comicstrip für den Daily Express zu schreiben. Mit seinen Texten bediente er damals zwei verschiedene Genres: “Einerseits starke Machohelden, andererseits romantisches Liebesgeläut, wobei ich meine `Frauensachen´ immer mit etwas Abenteuer würzte“.

Der Autor hatte immer wieder darüber nachgedacht, beide Thematiken zu vereinen, also zu erzählen, von einer “Frau voller Weiblichkeit, aber im Kampf so gut wie jeder Mann, wenn nicht besser.“ Der Auftrag für den Daily Express spornte ihn an, sich des Themas anzunehmen. Er erinnert an seine Begegnung mit dem Flüchtlingsmädchen und wurde dadurch zu Modesty Blaise inspiriert, einer Frau, die durch ihre tragische Vergangenheit selbstbewusst geworden war und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Cover von Matthias Schultheiss zur Carlsen-Ausgabe von Modesty Blaise

Modestys Leben in der Wildnis und auf der Straße führte sie in die Kriminalität. Als junge Frau leitete sie eine Organisation namens The Network, die alle Schandtaten außer Prostitution und Drogenhandel im Angebot hatte. Als frischgebackene Millionärin gelang ihr der Absprung und sie ließ sich in England nieder. Sir Gerald Tarrant vom britische Geheimdienst fragte höflich nach, ob sie gelegentlich Spezialaufträge übernehmen würde. Da sie sich langweilte, ließ sie sich gerne zu gefährlichen Missionen überreden.

Während Peter O’Donnell sehr lange über den Charakter seiner Hauptfigur nachgedacht hatte, war ihm – nachdem er wusste wie Modesty tickte – sofort klar, wie ihr Kumpel Willie Garvin beschaffen sein musst. Äußerlich ist er ein blonder Sonnyboy, der nahezu alles kann. Doch auch er hat eine tragische Vergangenheit und es war Modesty, die ihn aus einem Gefängnis holte und seinen guten Kern freilegte. Eine der Reize des Comics besteht darin, dass Modesty und Willie zwar ganz enge Freunde sind, aber nicht miteinander schlafen. Über die Bettgeschichten des jeweils anderen sind sie jedoch bestens informiert und reden ganz ohne eifersüchtige Gefühle sehr gerne darüber.

Eine Bleistiftstudie von Frank Hampson wurde als “nicht sexy genug“ abgelehnt.

Als O’Donnell das Konzept seiner Serie fertiggestellt hatte, waren große Teile der britischen Presselandschaft noch nicht auf eine derart starke unabhängige Frau vorbereitet. Der Daily Express lehnte ab und Modesty Blaise debütierte am 13. Mai im Londoner Evening Standard. Die Serie wurde bis 2001 ohne Unterbrechung fortgesetzt und in 42 Ländern veröffentlicht. Als Zeichner war ursprünglich Frank Hampson, der Schöpfer des britischen Science-Fiction-Comics Dan Dare, vorgesehen. Doch zum Glück war es dann der großartig mit Schwarzflächen und Pinselstrichen jonglierende Jim Holdaway der das Erscheinungsbild der Hauptfiguren maßgeblich prägte.

Ich denke es kann nicht schaden, wenn ich anmerke, dass ich schon seit ewigen Zeiten ein Fan von Modesty Blaise und Willie Garvin bin. eit ich 2006 den ersten Prinz-Eisenherz-Band des Bocola Verlags in Händen hielt, hoffte ich, dass das Team von Achim Dressler in derselben großartigen Qualität eine Gesamtausgabe meines Liebling-Comicstrips herausbringen würde. Jetzt ist genau dies gesehen und meine hohen Erwartungen wurden mehr als übertroffen.

Die Vorlagen der bei Bocola zum Abdruck gekommenen Zeitungsstrips stammen aus sechs verschiedenen Quellen. Ebenfalls enthalten sind die nur im auch am Karfreitagen und am Weihnachtstag erscheinenden Glasgow Citizen abgedruckten Strips. Ich wusste bereits viel über die Comicserie, doch einen Großteil der in diese Rezension eingearbeiteten Hintergrundinfos verdanke ich den fundiert zusammengestellten Vorworten, die in den ersten beiden Bänden dieser lange erwarteten Gesamtausgabe enthalten sind.

Abschließend muss unbedingt noch erwähnt werden, dass es den ersten Band von Bocolas im  Hardcover-Querformat von 30,5 x 28,0 cm veröffentlichten neu übersetzten und neu geletterten Gesamtausgabe der kompletten Comicstrips beim Verlag auch als auf 100 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit Variantcover und signiertem Druck von Franz Gerg (Max & Luzie) gibt!

Heiner Lünstedt

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e. o. plauen: Die vergessenen Rosinen

Steffen Haas entwickelt sich immer mehr zum Renaissance-Menschen. Gemeinsam mit Gunter Hansen zeichnet er weiterhin die Serie Das Küken, die Maus und das Bier, regelmäßig tritt er live singend mit seinen Motionless Movies auf, er ist als Dozent tätig, zeichnete einen 13 Meter langen blutigen Märchencomic und organisierte eine Dackelparade samt übergroßen Hund und zugehöriger Ausstellung.

Aktuell überrascht Haas als Kurator einer noch bis zum 17.09.2024 im Valentin-Karlstadt-Musäum gezeigten Präsentation des Bildergeschichten-Klassikers Vater und Sohn. 1934 startete die Serie in der Berliner Illustrirte Zeitung (kein Schreibfehler). Der in Plauen aufgewachsene Erich Ohser signierte die Geschichten mit dem Pseudonym e.o.plauen, da er sich in der Weimarer Republik als Karikaturist gegen die Nazis positioniert hatte. Ohser stellte die Serie 1937 ein, weil er nicht wollte, dass seine Figuren noch stärker von Goebbels & Co für Propaganda-Zwecke genutzt werden.

Der von einem Nachbarn wegen antinationalsozialistischer Äußerungen denunzierte Ohser beging 1944 im Gefängnis Selbstmord, bevor er im Volksgerichtshof des Blutrichters Freisler zum Tode verurteilt werden konnte. Vater und Sohn lebten jedoch in der Nachkriegszeit weiter. Viele Lehrer ließen die Erlebnisse der zweiköpfigen Kleinfamilie von ihrern Schülernin Aufsatzform nacherzählen. 2015 setzten Ulf K. und Marc Lizano die Serie fort.

Doch zurück zu Steffen Haas. Für seine Ausstellung zu Vater und Sohn wählte er den originellen Titel Die vergessenen Rosinen. So benannte Ohser eine seiner besten Bildgeschichten, deren Inhalt Haas in allerbester Schulaufsatz-Tradition wie folgt nacherzählt hat: “In seinen Comics lässt Ohser seine beiden Antihelden eine eher provisorische Junggesellenernährung zelebrieren. Werden beim Backen die Rosinen vergessen, so schießt man sie kurzerhand mit dem Jagdgewehr in den Kuchen.“

Dieses Zitat stammt aus dem von Haas sehr anregend zusammengestellten Begleitbuch zur Ausstellung, das natürlich auch den Titel Die vergessenen Rosinen trägt. Hierin kommen die Rosinen unter den Bildergeschichten nicht in chronologischer Reihenfolge zum Abdruck, sondern wurden thematisch geordnet und mit Ohsers Biografie abgeglichen. Das Resultat kann voll überzeugen.

Heiner Lünstedt

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Die Simpsons: Gelber wird’s nicht

Es bleibt weiterhin erstaunlich. Bereits ein halbes Jahr nach seinem wuchtigen Band Staying West: Comics vom Wilden Westen präsentiert Alexander Braun ein ebenso großartig recherchiertes und opulent bebildertes Fachbuch. Anlass sind der 70. Geburtstag von Matt Groening, das 35-jährige Bestehen der Animationsserie Die Simpsons, sowie eine von Braun kuratierte Ausstellung, die noch bis zum 27. Oktober bei freiem Eintritt im Schauraum Comic & Cartoon in Dortmund zu sehen ist.

Hier vielleicht ein paar persönliche Worte zu den Simpsons: Es gab eine Zeit, da setzte ich alles dran, um im ZDF bloß keine Folge mit der gelben Familie zu versäumen. Wegen der originellen Figuren von Homer oder Bart bestellte Kid Meals bei Burger King, sammelte die Comics und kaufte DVD-Editionen. Mittlerweile gibt es die Serie immer noch, ich habe jedoch irgendwann das Interesse daran verloren , keine Ahnung warum. Vielleicht ist es mit jeder Delikatesse so, dass diese bei regelmäßigen Konsum irgendwann nicht mehr so vortrefflich mundet wie am Anfang.

Auch durch intelligente Bücher wie Subversion zur Prime-Time: Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft konnte ich nicht als Simpsons-Fan revitalisiert werden. Doch dank Alexander Braun wurde mein Leben wieder etwas gelber. Vor dem Verfassen der Rezension habe erst einmal sicherheitshalber die DVD-Box mit der dritten Simpsons-Staffel, da dort die bei Disney+ fehlende Michael-Jackson-Episode Die Geburtstagsüberraschung enthalten ist, die zugleich auch noch Einer flog über das Kuckucksnest parodiert.

Ebenfalls bestellt habe ich das Comicheft Bart Simpsons Horror Show, da dort eine Treehouse-of-Horror-Parodie auf Swamp Thing enthalten ist, die von Len Wein und Bernie Wrightson, den Schöpfern des DC-Sumpfdings stammt. Außerdem amüsierte ich über diverse Vorspann-Sequenzen, für die Künstlern wie Bill Plympton, Guillermo del Toro, der Disney-Animator Eric Goldberg oder Banksy sehr individuell gestalteten Couch-Gags gestaltet haben.

Doch zurück zum Buch. Dieses besticht dadurch, dass Braun sich nicht darauf beschränkt Theorien über die Bedeutung der Serie und der “gelben Philosophen“ aufzustellen. Wichtiger ist es ihm, in Wort und Bild darzustellen, wie die Simpsons entstanden sind und warum sie auch nach mehr als 750 Episoden heute immer noch ein großer Erfolg sind. Das zentrale Thema der Serie ist “Familie“ und Hauptinspiration für Matt Groening war zweifelsohne sein Vater, der passenderweise auch Homer hieß.

Braun zeigt in seinem Buch viele Beispiele für die Kreativität des als Cartoonisten, Werbegrafiker und Filmemacher in Portland tätigen Homer Groening. Ein wichtiges Thema ist aber auch Matt Groenings 1977 gestarteter Comicstrip Life in Hell, dessen Hauptfigur der vom vom Leben überforderte Hase Binky ist. Die in einem lockeren Stil hingehauene Serie fand immer mehr Fans. Darunter befand sich auch der Filmemacher James L. Brooks (Zeit der Zärtlichkeit), dem es gelang die Produzente des neuen TV-Sender FOX davon zu überzeugen, kurze Animations-Sequenzen mit Szenen aus Live in Hell in der Tracey Ullman Show zu platzieren.

Während Groening seinerzeit im Vorzimmer des Büros von Brooks darauf wartete, seine Ideen den FOX –Managern vorzutragen, kamen ihm Zweifel, denn er wollte die Rechte an Life in Hell behalten. In wenigen Minuten entwarf er stattdessen eine Parodie auf perfekte TV-Familien. Aus Zeitmangel benannte er die Familienmitgliedern nach seinen Eltern und Schwestern. Er kam damit durch, und nachdem die kurzen Clips mit der gelben Familie die Ullman-Show bereichert hatten, konnte Brooks für die ersten 13 Episoden einer Simpsons-Serie bei FOX sagenhafte 13 Millionen Dollar locker zu machen.

Braun beschreibt und zeigt detailliert wie die Kommunikation zwischen den Autoren in Los Angeles und den Animatoren in Taiwan abläuft, wie die Drehbücher immer mehr verfeinert werden und wie fertig animierte Sequenzen aus Fernost noch einmal neu gedreht werden müssen, sofern sie nicht funktionieren. Zum Abdruck kommt ein kompletter Style Guide, der das Erscheinungsbild der Figuren bis ins Detail festlegt.

Ein großes Thema sind auch die Simpsons-Comichefte, die sich in Deutschland zeitweise größerer Beliebtheit als in den USA erfreuten. Das Buch enthält ein ausführliches Interview mit Bill Morrison, der nicht nur für die Comics zuständig war, sondern auch “Matt Groenings wichtigster Mann für Simpsons-Illustrationen jenseits der TV-Serie“ ist. Passend dazu kommen Abbildungen von Merchandise-Artikeln wie Adidas-Turnschuhe, bemooste Terrakotta-Tonköpfe von Homer oder auch ohne Lizenz in Handarbeit produzierte Simpsons-Figuren aus Mexiko mit Stars-Wars-Thematik.

Doch das ist noch lange nicht alles. Wir erfahren außerdem noch Details über die Zusammenarbeiten mit Michael Jackson und Banksy, über ein in der Nähe von Las Vegas in Originalgröße errichtetes Simpsons-Haus, sowie über eine 2021 exklusiv für die Pariser Modenschau von Balenciaga produzierte zehnminütige Episode.

Gelber kann es wirklich nicht mehr werden.

Heiner Lünstedt

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