Peter Puck: Rudi

Wer eine Seite von Rudi betrachtet, dem wird sofort klar, dass es sich bei Peter Puck um einen Wahnsinnigen handelt. Seine prall gefüllten (aber gerade deswegen unbedingt lesenswerten) Sprechblasen werden optimal durch unglaublich detailverliebte Zeichnungen ergänzt. Wenn sich so viel Fleiß auch noch in so brüllend komischen Humor niederschlägt, dann ist es besonders bedauerlich, dass seit 2006 keine neuen Comics mit Rudi und Freddy erschienen sind.

Doch immerhin liegt jetzt eine “fette & komplette“ Gesamtausgabe vor, die neben den farbigen Nachdrucken sämtlicher sieben Rudi-Alben auch noch einiges bisher unveröffentlichtes Material enthält. Zum Abschluss des dicken 370-seitigen Buchs gibt es etwa eine neue Geschichte, in der Rudi und Freddy versuchen einen Ersatz-Zeichner für die “verfluchte Drecksau“ Peter Puck zu finden, der “keinen Bock mehr“ hat.

Innerhalb dieser Story namens Abenteuer auf der Meta-Ebene sind einzelne teilweise atemberaubend schöne Rudi-Panels zu bestaunen, die z. B. von Thomas von Kummant (Gung Ho), Ralph Ruthe, Sascha Wüstefeld (Das UpGrade), Ralf König (Der bewegte Mann), Hendrik Dorgathen oder Timo Wuerz (Aaron und Baruch) stammen. Doch Rudi und Freddy sind nicht zufrieden mit den Alternativen und stellen abschließend fest, dass sie keinen Zeichner aber auch keine Leser brauchen und lösen sich in Wohlgefallen auf.

Doch zuvor kann die ganze Erfolgsgeschichte um Peter Puck und Rudi noch einmal von Anfang an verfolgt werden. Im Mai 1985 erschien im Stadtmagazin Stuttgart Live die einseitige Story Der Bunker, in der sich Rudi und Freddy versehentlich eine Neo-Nazi-Kneipe verirren und gleich verprügelt werden. Wären sie doch nur in ihrer Szene-Stammkneipe geblieben, denn dort hat in ihrer Abwesenheit natürlich eine “rattenscharfe Blondine“ nach ihnen gefragt. Dieser erste Comic definiert gleich den Tonfall der weiteren Geschichten um zwei ewig unzufriedene Szene-Gänger, die immer wieder finstere Abwege betreten und zielsicher auf die nächste Katastrophe zugehen. Beim Lesen der Geschichten ist festzustellen, wie schnell Peter Puck seinen Zeichenstil perfektionierte und auch wie nah am Original er die Comicfiguren von meisterlichen Kollegen wie Albert Uderzo, Morris, Franquin oder Peyo zu Papier bringen kann.

So schön diese “fette & komplette“ Gesamtausgabe auch ist, sie macht dennoch traurig darüber, dass Rudi und Freddy nicht mehr – stellvertretend für die Leser – unter den härtesten Bedingungen die neusten Szene-Trends testen und lächerlich machen.

Heiner Lünstedt

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Seltsam & Fesselnd – Das Werk des Denis Kitchen

Ein wahres Wunderwerk hat U-Comix-Chef Steff Murschetz herausgebracht. Es wäre schon großartig gewesen, wenn es ihm gelungen wäre, eine deutsche Übersetzung des 2010 beim US-Verlag Dark Horse erschienenen Buchs The Oddly Compelling Art of Denis Kitchen herauszubringen. Doch Murschetz ließ den Übersetzer Christof Bango das Buch sogar noch bis in die Gegenwart fortschreiben.

Seltsam & Fesselnd – Das Werk des Denis Kitchen

Das erste Viertel des Softcover-Bandes bietet einen Einblick in Leben und Werken von Denis Kitchen. Dieser war seit frühster Jugend nicht nur ein manischer Zeichner, sondern auch immer daran interessiert seine Bildergeschichten gegen Bezahlung an den Leser zu bringen. Daher war es kein Wunder, dass er schließlich nicht nur zum Freund, sondern auch zum Verleger von Comic-Legenden wie Robert Crumb, Will Eisner und Harvey Kurtzman wurde. Diese Tätigkeit ging jedoch zu Lasten von Kitchens Output als Zeichner.

Seltsam & Fesselnd – Das Werk des Denis KitchenDas Kitchen auch ein versierter, ständig besser werdender Zeichner und ein scharfer Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, beweisen die zahlreichen in diesem Buch abgedruckten Comics. Lobend ist hierbei zu erwähnen, dass diese Geschichten von Denis Kitchen persönlich kommentiert und ebenfalls von Christof Bango in Deutsche übersetzt wurden.

Ralf König: ABBA HALLO!

Als ABBA Ende 2021 nach einer Pause von vierzigJahren ein neues Album herausbrachte, wollte Ralf König diesem Anlass einige wenige Comicstrips widmen. Doch jetzt liegt ein knapp 200-seitiges Buch mit dem schönen Titel ABBA HALLO! vor.

Königs online gestellte Abba-Strips mit seinen beliebten Figuren Konrad und Paul sorgten für ein heftiges Rauschen im Facebook- und Instagram-Wald. Dieses setzte “sofort eine Dynamik in Gang, die mich selbst immer wieder überrumpelt.“

Ähnlich wie zuvor seine gesammelt unter dem Titel Vervirte Zeiten veröffentlichten Vier-Bilder-Strips wird auch hier das Tagesgeschehen kommentiert.

Anfangs befinden sich Konrad, Paul und ihre mit allerlei skurrilen Charakteren bevölkerte Blase zunächst noch mitten in der Corona-Krise, bevor am Ende von ABBA HALLO! der russische Überfall auf die Ukraine thematisiert wird. Dies geschah allerdings mit einiger Verspätung. König erzählte Anfang 2022 von einer Geburtstagsparty, zu der wegen Corona zunächst keiner hingehen wollte, die aber dann doch noch ein rauschendes Fest wurde.

Da König seine Leser an dieser von ihm schon lange vorbereiteten Feier in etlichen täglich online gestellten Comic-Strips teilhaben ließ, kam er erst verspätete dazu, den Angriffskrieg auf die Ukraine zu thematisieren: “Das war auch für mich etwas spooky. Andererseits versicherten mir die Leser und Leserinnen in den Kommentarleisten, dass sie froh sind, morgens bei Konrad und Paul mal kurz abgelenkt zu werden von den düsteren Entwicklungen da draußen.“

Zentrales Thema des Comics sind jedoch weder Corona, noch der Ukraine-Krieg und auch nicht ABBA. Einmal mehr geht es um die Beziehungen zwischen Konrad und Paul, die immer wieder auf dem Prüfstand steht. In Verwirte Zeiten hechelte Paul dem “atemberaubend erotischen“ REWE-Filialleiter Bastian Knaller hinterher. Jetzt ist es ein behaarter Kerl, der nur schmusen will und dem nicht eben hünenhaften Paul auch noch dazu bringt in ein Bärchen-Kostüm zu schlüpfen…

Heiner Lünstedt

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Oliver & Columbine

Eigentlich befinden sich Oliver und Herr Prudenz, die in einen Notariatsbüro arbeiten, auf einer unspektakulären Dienstreise. Sie sollen im Örtchen Einsiedel ein paar Dokumente abgeben. Doch dann steigen sie in eine seltsame Straßenbahn, und ab geht es in die märchenhafte Welt von Schauimtraum.

Bereits in der Straßenbahn lernt Oliver die reizende Columbine kennen und wird danach zusammen mit ihr immer wieder ein von Fabelwesen bevölkertes Land vor Bedrohungen schützen. In ihrem ersten Abenteuer bekommen es das Pärchen mit dem heimtückischen Riesenvogel Ratzekahl zu tun, der mit seinem an einen Staubsauger erinnernden Schnabel bereits einem Großteil der Einwohner von Schauimtraum den Schädel kahl rasiert hat…

Das klingt eigentlich ganz schön blödsinnig, doch wer sich auf Oliver & Columbine einlässt, wird viel Spaß haben. Die an klassische Disney-Animationsfilme, aber auch an The Wizard of Oz oder Little Nemo, erinnernden Zeichnungen von Daniel Henrotin alias Dany (Ludivine, Die Kriegerinnen von Troy) sind wunderschön und die Hauptfiguren, trotz ihrer zuckersüßen Art, ganz große Sympathieträger.

Die Geschichten stammen von Michel Louis Albert Régnier alias Greg, der ab 1965 Chefredakteur des hauptsächlich Abenteuergeschichten enthaltenen Comicmagazins Tintin war. Inspiriert von einer Straßenbahnfahrt durch die belgische Landschaft schuf er als Gegengewicht zu Dan Cooper, Michel Vaillant oder Andy Morgan die fabelhafte Welt von Oliver & Columbine. Gleich nach der Veröffentlichung des ersten Abenteuers Die wunderbare Odyssee wurde Olivier Rameau, so der Originaltitel, von den Tintin-Lesern 1969 zur viertbeliebtesten Serie des Magazins gewählt.

Die deutschen Leser lernten den Comic mit reichlich Verspätung kennen. 1981 gab es unter dem Titel Oliver Ohnefehl ein einmaliges Gastspiel in einem Sonderheft der Rätselmagazins Rate Mal. Erst in diesem Jahrtausend wurden weitere Bände von Oliver & Columbine veröffentlicht und endlich erscheint beim Stefan Riedl Verlag eine optimal aufgemachte vierbändige Gesamtausgabe.

Bemerkenswert ist, dass das erste Album Die wunderbare Odyssee von der legendären Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf ins Deutsche übertragen wurde. Bei ihr heißt der Bahnhofsvorsteher Traugott Triller, der Straßenbahnschaffner Lukas Lochzang, der Zwerg mit der Schubkarre Kolossal und die garstigen Trolle sind die Wirrware. Diese belgische Serie hätte auch bei uns zum Klassiker werden kommen, doch dazu kam sie leider viel zu spät zum Abdruck, doch besser spät als nie.

Heiner Lünstedt

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Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Die Geschichte beginnt in einem sonnenleuchtenden italienischen Städtchen – als Inspiration diente dem Comiczeichner Manuele Fior sein in der Nähe der Adria gelegener Heimatort Cesena. Erzählt wird vom jungen, noch unerfahrenen Piero, dem sofort klar ist, dass das neue Nachbarmädchen Lucia für ihn die Richtige ist. Dies wird skeptisch beäugt von Pieros Kumpel, dem Frauenhelden Nicola, der völlig zu Recht befürchtet, seinen besten Freund an Lucia zu verlieren.

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Das eigentliche Zusammenkommen der Liebenden zeigt der Comic nicht, zu sehen gibt es trotzdem einiges. Mit locker in flüssiger Acrylmaltechnik zu Papier gebrachten Bildern fängt Fior die Atmosphäre der Handlungsorte ein, zugleich aber auch die Seelenzustände seiner Figuren. Nach dem sonnigen Auftakt in Italien wechselt er abrupt das Farbspektrum und verlegt die Handlung in ein frostig düsteres Norwegen. Hier beendet eine deutlich gereifte Lucia eher beiläufig ihre Beziehung zu Piero und wendet sich einem anderen Mann zu.

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Doch schon bald kehrt sie schwanger allein zurück in ihre italienische Heimat, während es Piero in die Fremde zieht. Trotz der räumlichen Distanz stehen die beiden sich in Gedanken weiterhin sehr nahe. In Ägypten – Fiors Bilder lassen spüren, dass es dort auch in der Nacht noch drückend heiß ist – erhält Piero unerwartet einen Anruf von Lucia. Trotz langer Sendepause herrscht sofort wieder eine große Vertrautheit, und Piero stellt fest, dass es bei ihrem Gespräch trotz einer Entfernung von 5000 Kilometer nur eine Zeitverzögerung von einer Sekunde gibt…

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Die Frage ob Fünftausend Kilometer in der Sekunde auch autobiographische Elemente enthält, beantwortete Fior wie folgt: “Nicht wirklich, die Orte sind jene, die ich wirklich kennengelernt habe, weil ich dort gearbeitet habe. Doch die Geschichte ist wohl erfunden.“ Bevor Fior sich in Paris niederließ, zog es ihn unter anderem nach Venedig, Oslo und auch nach Berlin, wo 2004 sein erster längerer Comic Menschen am Sonntag entstand.

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

In teilweise meisterlicher schwarzweißer Grafik erzählte Fior davon, wie schwierig es ist, eine neu gefundene Heimat zu verlassen. Im Anschluss daran versuchte er in Ikarus, griechische Mythologie mit Motiven aus Goethes Faust zu remixen. Sehr viel interessanter ist seine danach entstandene Adaption von Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else, die er in stimmungsvollen Aquarellbildern und garniert mit Klimt-Zitaten in Szene setzte  und 2012 auch als Hardcoverband in der Reihe Süddeutsche Zeitung Bibliothek – Graphic Novels erschienen ist.

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Fiors Fünftausend Kilometer in der Sekunde wurde 2001 auf dem Comic Festival in Angoulême zum besten Album gekürt – aus gutem Grund. Der Comic überzeugt durch die schlichte Schönheit der einzelnen Panels, aber auch durch die Art, wie Fior seine Geschichte erzählt – was vor allem heißt, wie geschickt er manches, wie die Begegnung der Liebenden, einfach auslässt. Dem Prinzip, nicht alles erzählen und zeigen zu müssen, folgen auch seine Bilder.

Manuele Fior: Fünftausend Kilometer in der Sekunde

Die Kapitel beginnt Fior mit Abbildungen einer stetig zunehmenden Anzahl von Regentropfen, am Ende kommt dann der große Wolkenbruch. Da treffen dann Piero und Lucia, deutlich gealtert, in Italien wieder aufeinander, aber auch Jugendfreund Nicola spielt eine nicht unwichtige Rolle. Von der sonnigen Stimmung des Anfangs ist allerdings nichts mehr zu spüren. Das Wetter ist verhagelt und trübe wie die Stimmung des einstigen Liebespaares. Ein Unhappy-End – doch vermittelt Fior, dass für ein erfülltes Leben auch gescheiterte Liebesbeziehungen wichtig sind.

Heiner Lünstedt

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Garth Ennis: Punisher Collection 3

Der dritte Band dieser Collection startet mit sechs Storylines, die Garth Ennis zwischen 2006 und 2008 geschrieben hat. In jeweils sechs oder sieben Heften wurden diese beim Marvel-Erwachsenenlabel MAX veröffentlicht. Die Geschichten sind in sich abgeschlossen, bauen aber aufeinander auf. Das Tüpfelchen auf dem i sind auch diesmal Tim Bradstreets detailverliebte, oft recht waffenfetischistische Cover, die stark an Filmposter erinnern.

Die schlechte Nachricht gleich zuerst: Die zweite Story Mann aus Stein ist ziemlicher Müll. Garth Ennis ließ hier seiner Miniserie Mütterchen Russland eine ziemlich einfallslose Fortsetzung folgen. Noch schlimmer sind die unbeholfen wirkenden Zeichnungen von Leonardo Fernandez, der – ganz im Gegensatz zu seiner guten Graphik bei Ennis‘ meisterlicher Miniserie Die Sklavenhändler – diesmal sehr detailarm arbeitete und Frank Castle nur sehr selten gut erkennbar zu Papier bringt.

Sehr viel besser funktioniert die nächste Geschichte, die davon erzählt, wie der Punisher beim Kampf gegen skrupellose Wirtschaftskriminelle auf den völlig durchgeknallten Auftragskiller Barracuda trifft. Dieser ständig fluchende Koloss von einem Kerl, den Ennis hier in das Marvel-Universum einführt, steht in der Tradition von nahezu unzerstörbaren Punisher-Gegnern wie Ma Gnucci oder dem Russen. Auch die blutrünstige Geschichte lässt an Ennis’ Fun-Splatter-Anfänge als Punisher-Autor denken. Passend dazu erinnern die sehr realistischen, aber gelegentlich auch leicht karikierenden Zeichnungen von Goran Parlov an Steve Dillons schnörkellosen Stil.

Die nächste Geschichte wurde von Lan Medina ebenfalls sehr souverän zu Papier gebracht. Witwenmacher hat einen sehr viel bitteren Unterton. Hier wollen sich fünf Frauen, deren Mobster-Ehemänner von Frank Castle umgebracht wurden, am Punisher rächen und stellen sich dabei gar nicht so ungeschickt an.

Zentrale Figur ist jedoch Jennifer, die Schwester einer der Witwen. Sie ist dem Punisher dankbar dafür ist, dass dieser ihren sadistischen Mafia-Ehemann ermordet hat und (Vorsicht, Spoiler!) schlüpft sogar in dessen Kostüm mit dem Totenkopf. Die teilweise sehr sensibel erzählte Geschichte mündet in ein ebenso blutiges wie tragisches Finale.

Danach hat sich Garth Ennis wieder dem nicht tot zu kriegenden Barracuda gewidmet, doch der Punisher taucht gar nicht auf. Am Ende einer satirisch angehauchten, in karibischer Umgebung spielenden Geschichte wird jedoch klar, dass Barracuda noch ein Hühnchen mit dem Punisher zu rupfen hat. Zuvor gibt es viel blutrotem Slapstick und Goran Parlovs Zeichnungen sind am Rande der Karikatur angesiedelt. So trägt etwa ein Gangsterboss unverkennbar die Gesichtszüge von Christopher Walken, während dessen seltsam deformierter Sohn, so wirkt als wäre aus einem Looney-Tunes-Cartoon entsprungen.

Ein deutlich ernsthafterer Grundton herrscht danach in der ebenfalls von Ennis und Parlov stammenden Storyline Die lange, kalte Nacht, obwohl hier wieder Barracuda eine zentrale Rolle spielt. Gleich das erste Kapitel endet mit einem als Schlusspointe daherkommenden Cliffhanger, der wirklich völlig überrascht und hier nicht verraten werden soll. Einmal mehr gilt: Völlig krankes Zeug, das schwer zu Herzen geht.

Mit der ebenfalls von Parlov gezeichneten Geschichte Valley Forge, Valley Forge verabschiedet sich Ennis erst einmal vom Punisher. Einmal mehr erzählt er hier eine War Story. Es geht um acht in kriminelle Angelegenheiten verwickelte US-Generäle, die nicht zu Unrecht vermuten, dass der ansonsten nicht eben zimperliche Punisher Probleme damit haben wird, US-Soldaten zu töten.

Mit schmutzigen Tricks gelingt es den Offizieren eine Delta-Force-Spezialeinheit nach New York zu schicken, wo sie Castle zur Strecke bringen sollen. Doch ganz so einfach ist das natürlich nicht, und der an Morgan Freeman erinnernde Colonel Howe ist als Chef der Spezialeinheit auch nicht so einfach zu steuern wie erwartet. Valley Force, Valley Force überrascht auch dadurch, dass Ennis in die Handlung scheinbar wahllos Auszüge eines fiktiven biografischen Vietnam-Berichts, sowie von Goran Parlov sehr stimmig gezeichnete “Fotodokumente“, einfließen lässt. Dies verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe.

Zum Abschluss präsentiert dieser Band drei kürzere Stories, die vor Valley Force, Valley Force entstanden sind. Etwas ganz Besonderes ist die 2006 entstandene Geschichte Tiger, Tiger von 2006. Der in den 50er-Jahren für MAD und die EC-Comics tätige John Serverin setzte den 49-seitigen Comic in einem nostalgische Gefühle weckenden Retro-Stil in Szene. Dies passt sehr gut, da Ennis eine 1960 spielende Episode erzählt. Lange bevor er die Hölle des Vietnamkriegs kennenlernte, erlebte der zehnjährige Frank Castle bereits schreckliche Dinge.

Das Viertel in Brooklyn, in dem der sich stark für Poesie interessierende Junge aufwächst, wird von einem Mafiaclan terrorisiert. Besonders schlimm treibt es Vincent Rosa, der jüngste Sohn des Paten, der etlichen minderjährigen Mädchen den Kopf verdreht und sich rücksichtslos an ihnen vergeht. Dies führt zu Schwangerschaften und Selbstmorden. Auch Lauren, ein Mädchen, das Frank sehr viel bedeutet, bringt sich um. Eines Abends, als seine Eltern schon schlafen, greift Frank heimlich zur gut versteckten Dienstpistole, die sein Vater aus den Weltkrieg mitbrachte, und macht sich auf den Weg…

Kunstvoll eingebettet in interessante Pro- und Epiloge Ennis gelang hier einmal mehr eine ungewöhnliche Geschichte. Dabei beschäftigt er sich auch mit einem Gedicht von William Blake, weckt Emotionen und präsentiert ein ganz schön blutiges, aber auch sehr konsequentes Ende.

Mit Die Zelle folgt eine weitere Kurzgeschichte, die auf 48 Seiten davon erzählt, wie sich Frank Castle der Polizei stellt. Dadurch wird er in jenes Gefängnis gesperrt, das von einigen Häftlingen beherrscht wird, die von ihrer komfortabel ausgestatteten Zelle aus weiterhin ihre kriminellen Geschäfte steuern. Bei diesen Insassen handelt es sich um jene Männer, die die Verantwortung dafür tragen, dass Franks Frau und Kinder gestorben sind. Diese solide Punisher-Story von 2005 setzte Lewis LaRosa in gut dazu passender düsterer Optik in Szene.

Zum Abschluss gibt es noch ein weiteres Highlight. The End entstand 2004 und spielt in einer gar nicht so weit entfernten Zukunft. Hier bekommt der Direktor eines Hochsicherheits-Gefängnisses die Anweisung alle Gefangenen umzubringen. Doch dank eines Stromausfalls gelingt es Frank Castle zu entkommen. Die plötzliche Freiheit ist jedoch nicht wirklich ein Fortschritt, denn der Himmel brennt und die USA ist durch einen Atomkrieg völlig zerstört. Auch für die Elite, die sich in unterirdischen Bunkern verkrochen hat, gibt es keine Rettung, denn dafür sorgt schon der Punisher…

Am Zeichenbrett saß diesmal die Zeichner-Legende Richard Corben, dessen zur Abwechslung nicht plastisch, sondern meist flächig kolorierten Zeichnungen sorgen für die nötige apokalyptische Atmosphäre. The End ist der perfekte Schlusspunkt für diese Edition, die zum Glück noch mit einem vierten Band beendet wird.

Heiner Lünstedt

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Marshal Blueberry

Als Ergänzung zur neunbändige Gesamtausgabe mit allen 29 von Jean Giraud alias Moebius gezeichneten Comicalben der Western-Serie Blueberry ist noch ein Spezial erschienen. Enthalten ist die zwischen 1991 und 2000 in drei Alben veröffentlichte Storyline Marshal Blueberry.

Diese 1868 spielende Geschichte ist zwischen den Alben General Gelbhaar und Die vergessene Goldmine angesiedelt. Der eigentlich im Fort Navajo stationierte Leutnant Blueberry ist hier im Auftrag von General Sherman als US-Marshal unterwegs, um eine Bande von Waffenschiebern dingfest zu machen.

Genau wie bei den letzten Bänden der regulären Reihe fungierte Jean Giraud auch diesmal als Autor. Für das Artwork konnte William van Cutsem alias Vance (Bruno Brazil, Bruce J. Hawker, XIII) gewonnen werden, der über einen ähnlich einzigartigen Zeichenstil wie Jean Giraud verfügt.

Vance war zunächst begeistert davon, den Westernklassiker zu zeichnen. Von ihm kam der Vorschlag Marshal Blueberry nicht in lediglich zwei Alben zu erzählen, sondern einen Dreiteiler daraus zu machen. Doch es war dann nicht Vance, der die Miniserie zu Ende brachte.

Dem ersten Album Auf Befehl Washingtons ist die Begeisterung anzumerken, mit der Vance hier bei der Sache war. Giraud erzählt eine spannende, in sich abgeschlossene Geschichte mit Indianern, Kavallerie und weißen Ganoven, die sich rund um Fort Navajo abspielt. Die Szenen in winterlicher Wildnis sind Atmosphäre pur.

Auch im zweiten Band Mission Sherman gelangen Vance beeindruckende Sequenzen, doch der Zeichner war nicht zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Giraud. Vance war es gewohnt von den Autoren eine fertig ausgearbeitete Geschichte mit Seitenlayouts zu erhalten.

Doch – wie Volker Hamann (Reddition) im hochinteresanten Vorwort zu diesem Band schreibt – hatte Giraud “eher einen Roman als ein Szenario“ geschrieben. Bei Mission Sherman heuerte Vance Assistenten an, da er zeitgleich noch an anderen Comics arbeitete.

Mit dem Resultat waren dann weder Giraud noch Vance glücklich und daher kam mit Michel Rouge für den Abschlussband Blutige Grenze ein neuer Zeichner zum Einsatz. Dieser hatte Giraud bereits bei Blueberry assistiert und Herman bei Comanche abgelöst.

Tess von Vance

Rouge hatte einen weniger eigenständigen Stil als Vance und orientierte sich bei Blutige Grenze stark an den Blueberry-Zeichnungen von Giraud, wodurch es am Ende der Miniserie einen erheblichen Stilbruch gibt. So ist die sehr selbstbewusste von Vance eingeführte Farmerin Tess Bonaventura in der von Michel Rouge gezeichneten Version nicht mehr wiederzuerkennen.

Tess von Michel Rouge

Doch attraktiv sind beide Damen und insgesamt ist Marshal Blueberry ein sehr interessanter Beitrag zum Westernklassiker. Dies liegt auch daran, dass die nicht mit Gewalt und Sex geizende Geschichte sich nicht ausschließlich an junge Leser richtet.

Heiner Lünstedt

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Lucky Luke – Neue Gesamtausgabe 4

Im Halbjahrestakt wächst die optimal aufgemachte neue Gesamtausgabe von Lucky Luke. Das wirkt manchmal wie Schneckentempo, doch für das Zeichnen der im vierten Band enthaltenen Comics benötigte Morris von Februar 1956 bis September 1957 deutlich länger als sechs Monate.

Auch dieser Band widmet sich wieder entscheidenden Abschnitten in der Geschichte der Westernserie. Mit Der falsche Mexikaner zeichnete der aus New York nach Belgien zurückgekehrte Morris das letzte Album, das auch von ihm getextet wurde.

In Alerte aux Pieds-Bleus (Blaufuß-Alarm), so der Originaltitel, wird sich ungeniert und alles andere als vorurteilsfrei über Indianer und Mexikaner lustig gemacht. Das ist nicht schön, doch noch schlimmer fände ich es, wenn diese Kapitel der Comichistorie einfach ignoriert oder bereinigt werden.

Das wie immer hochinteressante Vorwort widmet sich mit Texten wie “Achtung, Klischee!“ ausführlich dieser Problematik. Enthalten ist ein interessantes Zitat von René Goscinny, der von den Zeiten schwärmt als im klassischen Western die Indianer noch “richtig böse“ waren: “Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es entsetzlich, dass die Rothäute abgeschlachtet wurden. Ich habe den Film Stagecoach fünfzehn- oder sechszehnmal, und trotzdem hat mich das nicht zu einem erbitterten Gegner der Rothäute gemacht…“

Nach Der falsche Indianer übernahm Goscinny bei den Comics mit Lucky Luke das Texten. Der Autor mit jüdischen Wurzeln überzeugte Morris davon, häufiger Indianer in die Handlung einzubauen und machte sich auch ansonsten, genau wie in Asterix, über die Eigenarten von allerlei Volksgruppen lustig.

Goscinnys zweites Album nach Die Eisenbahn durch die Prärie war Lucky Luke gegen Joss Jamon. Seinerzeit war es noch nicht üblich, dass die Autoren von Comics namentlich genannt wurden. Zudem stand Gosinny bei den Verlegern auf einer schwarzen Liste, nachdem er sich für die Rechte von Autoren einsetzte und zusammen mit Kollegen wie Jean-Michel Charlier (Blueberry) versucht hatte, eine Gewerkschaft zu gründen.

Morris schmuggelt Goscinny jedoch immerhin durch die Hintertür in den von ihm geschriebenen Comic ein, indem er ihn als Banditen Wechsel-Pete karikierte. Bemerkenswert an Lucky Luke gegen Joss Jamon ist auch, dass durch einen Gastauftritt bereits in dieser Geschichte angekündigt wurde, dass die Daltons zur Serie zurückkehren werden. Morris hatte das wie Orgelpfeifen auftretenden Ganoven-Quintett Bob, Grat, Bill und Emmett Dalton 1952 im Album Die Gesetzlosen unvorsichtigerweise sterben lassen.

Doch Goscinny hatte die geniale Idee fortan Joe, Jack, William und Averell, die völlig unfähigen Cousins der Daltons in Lucky Luke auftreten zu lassen. Dies trägt bereits herrliche Früchte in der Geschichte Vetternwirtschaft. Die Brüder sind auch auf dem Cover dieses Bandes der Gesamtausgabe zu sehen und waren möglicherweise jene entscheidende Komponente, die Lucky Luke zum Klassiker werden ließ.

Heiner Lünstedt

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Ralf König: Frankenstein

Für die von Isabel Kreitz (Haarmann, Die Erfindung der Currywurst) herausgegebene Reihe Die Unheimlichen hat Ralf König (Der bewegte Mann, Herbst in der Hose) ein Monstrum geschaffen und es lebt! Auf 55 Seiten erzählt er seine sehr eigene Version von Mary Wollstonecraft Shelleys Klassiker Frankenstein.

Ralf König: Frankenstein

Dabei zeigt König wenig Interesse daran, die 1818 entstandene Geschichte vom “modernen Prometheus“ zu modernisieren. Seine anonym bleibende Hauptfigur liest Shellys Roman gleich nach seinem Erscheinen und schreibt einen Leserbrief an die Autorin, da er ähnliche Erfahrungen wie Dr. Frankenstein gemacht hat.

Ralf König: Frankenstein

Als junger Medizinstudent zeigte er sich stärker an der Wiederbelebung von Toten als an der Heilung von Gesunden interessiert. Daher fand er keine Befriedigung in einer Tätigkeit als Arzt und wurde stattdessen Bestatter. Dies ermöglichte ihm das Herz einer Frau, die hoffnungslos in ihn verliebt war, in den frisch verstorbenen Körper eines sehr attraktiven Wanderarbeiters zu verpflanzen…

Ralf König: Frankenstein

Es sieht so aus, als wenn sich der Totengräber einen idealen Gefährten geschaffen hat. Doch, wie er in seinem Leserbrief am Shelley zum Ausdruck bringt, sind seine Erlebnisse noch erschreckender als die im Roman geschilderten Ereignisse. Ralf König gelang in diesem kleinen Meisterstück eine perfekte Mischung aus Hommage, Parodie, Horror und Humor.

Ralf König: Frankenstein

Wie bei allen Büchlein der Reihe Die Unheimlichen kam auch bei Frankenstein nur eine Schmuckfarbe zum Einsatz. Thematisch passend wählte König Grün, denn auf allen Plakaten zu James Whales schwarzweißen Universal-Monsters-Klassiker Frankenstein von 1931 schillerte der lange Schädel von Boris Karloff in diesem Farbton. Nicht genug gelobt werden, kann die Virtuosität der Koloristen Emily Zürn und Stefan Dinter, die für eine angemessen schauerliche Farbgebung sorgten.

Heiner Lünstedt

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Ralf König: Vervirte Zeiten

Anfang 2020 wollte Ralf König (Der bewegte Mann, Herbst in der Hose) gerade mit seinem neuen Comic beginnen. Es sollte um “Political Correctness, gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und verabscheuungswürdige alte weiße Männer“ gehen. Wer die Auseinandersetzungen um Königs Wandgemälde in Brüssel mitbekommen hat, ahnt was für ein interessantes Werk hier höchstwahrscheinlich entstanden wäre.

Ralf König: Vervirte Zeiten

Doch es kam anders, denn es kam Corona. König befürchtete, dass er daurch “im Begriff war, die nächsten Monate an einem Buch zu sitzen, das inhaltlich auf absehbare Zeit niemanden interessieren könnte.“ Zwar ist mittlerweile weder Corona vorbei, noch der Streit darüber, wie zu kommunizieren ist, ohne dadurch Shit-Stürme zu entfesseln.

Ralf König: Vervirte Zeiten

Obwohl ihm “Gratisbespaßung stets suspekt“ war, zeichnete Ralf König täglich “schnell hingekritzelte Cartoons“, die sich brandaktuell mit dem jeweiligen Stand der Corona-Krise beschäftigten und postete sie auf Facebook. Die Resonanz dieser Geschichten mit seinen bereits aus zahlreichen anderen Comics bekannten Charakteren Konrad und Paul waren für König ein “kreativer Arschtritt“.

Ralf König: Vervirte Zeiten

Er wurde dadurch angestachelten, spontan auf das sich täglich verändernde Zeitgeschehen und die direkten Auswirkungen auf das Privatleben zu reagieren. Königs kurze Gags funktionieren aber auch gebündelt, wie der Sammelband Vervirte Zeiten belegt. Das liegt auch daran, dass König mit dem “atemberaubend erotischen“ REWE-Filialleiter Bastian Knaller, nicht nur ein Running-Gag, sondern sogar ein kapitaler Cliffhanger gelang.

Ralf König: Vervirte Zeiten

Die bittersüße Love Story zwischen Paul und Knaller findet zwar nur virtuell statt, doch durch ziemlich intime Online-Kontakte und das Versenden von Dickpics geht es dabei dennoch ganz schön zur Sache. Ralf König gelang mit dieser aus lustigen, traurigen und intelligenten Cartoons bestehenden Daily Soap eins seiner schönsten Werke!

Heiner Lünstedt

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